Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Begriff und. Erfahrung.

245

gründe, wie die mathematischen Verhältnisse bedeuten. Das
Gewirr der Empfindungen kann nicht unmittelbar zum Objekt
der Forschung werden: erst in seiner gedanklichen Verarbeitung,
in einer Auflösung der festen Dinge in mathematische Funktionen
und Prozesse entsteht die Frage, mit der die Wissenschaft beginnt.
So klar und eindeutig allerdings, wie dieses Ergebnis sich
uns darstellt, wenn wir uns die mathematische Naturwissenschaft
 in ihrer vollendeten Gestalt vergegenwärtigen, vermag es
in ihren Anfängen nicht sogleich hervorzutreten. Mannigfache
andersartige Einflüsse, die ihren Ursprung in der besonderen
geschichtlichen Problemlage der Zeit und im Verhältnis zur
wissenschaftlichen Tradition haben, wirken mit, um die einfachen
 Züge des Bildes zu komplizieren und umzugestalten. Zunächst
 findet sich das Denken nicht mehr, wie bei Platon,
der Natur selber gegenüber: was es vorfindet, ist ein festes und
fertiges Begriffssystem, das den Anspruch erhebt, in seinen
Grenzen jede künftige Beobachtung im Voraus zu enthalten und
zu umschliessen. Gegen diese Herrschaft des scholastischen Begriffs
 wird der Sinn und die Wahrnehmung angerufen. An der
Erfahrung erst vermag das Denken zum Bewusstsein und Verständnis
 seiner selbst zu gelangen; an ihr erst vermag es sich
seiner prinzipiellen Aufgabe und ihrer Unerschöpflichkeit zu
versichern. An dieser echten, sich selber stetig erneuernden Wirklichkeit
 gemessen, sinken die ontologischen Begriffe zu blossen
„Namen“ herab. Von allen Seiten her, von der Skepsis, wie der
Naturphilosophie, vom Humanismus, wie der mathematischen
Physik, ertönt dieselbe Forderung: von den Worten zu den Sachen,
von der Verknüpfung der Syllogismen zu den Zusammenhängen
der Natur zurückzukehren. Aller Wert und alle Verantwortung
des Wissens wird somit auf die Empfindung als den ursprünglichsten
 und untrüglichsten Zeugen übertragen. Aber eben in
der Feststellung des Empfindungsinhaltes selbst, in der Sicherung
und Abgrenzung der Beobachtungen. entdeckt das Denken nunmehr
 seine neue methodische Kraft und Leistung. Und so wird
es, nachdem der Kampf entschieden ist, klar, dass das Losungswort
 der Parteien die wahre Bedeutung des Problems nicht völlig
ausmisst und erschöpft. Für das Recht der Wahrnehmung wurde
gestritten: aber das Ergebnis ist zugleich eine neue Auffassung und
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.