Einleitung,
voller begrifflicher Deutlichkeit vor Augen standen, sind dennoch
nirgends zu theoretischer Zusammenfassung und zur abgelösten
systematischen Darstellung gelangt. Wollten wir daher unseren
Maassstab einzig von der Betrachtung der geschichtlichen Abfolge
der „Erkenntnistheorien“ entnehmen, so müsste Galilei uns hinter
einem Zeitgenossen, wie Campanella zurückstehen, dem er
doch nicht nur als wissenschaftlicher Denker, sondern an echter
philosophischer Produktivität und Tiefe unvergleichbar überlegen
ist. —
Allgemein müssen wir uns deutlich machen, dass die Begrifte
des „Subjekts“ und „Objekts“, mit denen insbesondere die psychologische
Theorie des Erkennens als festen Ausgangspunkten zu operieren
pflegt, selbst kein gegebener und selbstverständlicher Besitz
des Denkens sind, sondern dass jede wahrhaft schöpferische
Epoche sie erst erwerben und ihnen ihren Sinn selbsttätig aufprägen
muss. Nicht derart schreitet der Prozess des Wissens fort,
dass der Geist, als ein fertiges Sein, die äussere, ihm entgegenstehende
und gleichfalls in sich abgeschlossene Wirklichkeit nur
in Besitz zu nehmen hätte; dass er sie Stück für Stück sich aneignete
und zu sich hinüberzöge. Vielmehr gestaltet sich der Begriff
des „Ich“ sowohl wie der des Gegenstandes erst an dem
Fortschritt der wissenschaftlichen Erfahrung und unterliegt mit
ihm den gleichen inneren Wandlungen. Nicht nur die Inhalte
wechseln ihre Stelle, sodass was zuvor der objektiven Sphäre angehörte,
in die subjektive hinüberrückt, sondern zugleich verschiebt
sich die Bedeutung und Funktion der beiden Grundelemente.
Die grossen wissenschaftlichen Epochen übernehmen
nicht das fertige Schema der Entgegensetzung, um es nur mit
mannigfacher und wechselnder Gestalt zu erfüllen, sondern sie erschaffen
selbst erst begrifflich die beiden Gegenglieder. Die Aristotelische
Auffassung der Erkenntnis unterscheidet sich von der
modernen nicht nur in der Art der Abhängigkeit, die sie zwischen
‚Natur“ und „Geist“ annimmt, sondern in dem Kern und Grundsinn
dieser Begriffe selbst: es ist eine andere Ansicht der „Substanz“,
wie des „Subjekts“, die sich in ihr ausprägt. Dies also
ist eine der ersten und charakteristischsten Leistungen jeder Epoche,
die noch vor dem Erwerb bestimmter Einzelkenntnisse und Einzelergebnisse
vorangeht: dass sie sich das Problem des Wechselver-