302 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.
ben: und die Welt der sinnlichen Eigenschaften wäre gleichzeitig
vernichtet.!1®) Man muss sich, um sich der radikalen Schärfe
dieser Folgerung ganz bewusst zu werden, in den Ausgangspunkt
der Untersuchung zurückversetzen. Wir sahen, wie die Wissen-
schaft der neueren Zeit damit begann, gegenüber einem physi-
kalischen Weltbilde, das in blossen ontologischen Gegensätzen
und Unterscheidungen wurzelte, auf den Urquell der Sinnes-
erfahrung zurückzuweisen; wie sie damit dasjenige, was bisher
als festes und erschöpfendes System von Begriffen galt, zu einer
blossen Sammlung von „Namen“ herabsetzte. (S. ob. S. 245 und 275.)
Die sinnliche Empfindung selbst aber führte, je schärfer und
klarer die Aufgabe, die sie in sich enthält, gefasst wurde, zu der
Forderung der mathematischen Analyse zurück, in der der
Begriff nunmehr ein neues Sein und eine neue Verkörperung
fand. Indem dieser neue Gesichtspunkt entsteht und sich fort-
schreitend vertieft, bildet sich damit zugleich innerhalb des bis-
herigen Gegensatzes eine völlige Umkehrung heraus: denn jetzt
ist es, wie wir sahen, die einzelne Wahrnehmung, die, sofern
sie sich nicht auf eine reine mathematische Bestimmtheit zurück-
führen und in ihr beglaubigen lässt, als willkürlicher „Name“
zilt. Wieder ist ausgesprochen, dass der Verstand nur dasjenige
als objektives Sein anerkennen darf, was er aus sich selbst und
seinen eigenen Mitteln zu begreifen vermag: zugleich aber ist
deutlich geworden, dass es für seine Begriffe keine andere Ver-
mittlung und kein anderes Feld der Betätigung gibt, als dasjenige,
das sich in der exakten Analyse der Erfahrung erschliesst.
Wer das Denken von jener notwendigen Beziehung loslöst, der
bleibt ebenso, wie derjenige, der in der Empfindung den einzigen
und vollgültigen Zeugen sieht, in einer leeren Scheinwelt be-
fangen.!114) Der echte Gegenstand der Natur wird erst gewonnen,
wenn wir in dem Wandel und Wechsel unserer Wahrnehmungen
selbst die notwendigen und allgemeingültigen Regeln festzuhalten
lernen. Es ist besonders bezeichnend, dass Galilei für die wissen-
schaftliche Konstituierung der Materie nicht nur auf Farbe und
Ton, sondern zugleich auf die Tast- und Widerstandsemp-
findung ausdrücklich Verzicht leistet, dass ihm somit die
Schwere, so wesentlich und unentbehrlich sie als empirische
Eigenschaft ist. dennoch nicht in den Begriff des Körpers ein-