Das ‚Selbstberwusstsein:
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des Erkennens und seinem Inhalt’ besteht, da müsste folgerich-
tig jede Möglichkeit der Erkenntnis aufgehoben sein. Die passive
Aufnahmefähigkeit des Ich muss somit — wie schon bei den
nächsten Nachfolgern Telesios erkannt war — durch die An-
nahme einer eigenen selbsttätigen Form der „Bewegung‘“ und
eines ursprünglichen Impulses ergänzt und berichtigt werden.)
Wie jedem Wesen der Trieb der Selbsterhaltung angeboren ist,
so muss es ein latentes Vermögen in uns geben, kraft dessen wir
uns innerlich erfassen und begreifen. Das ganze Sein der Seele,
sowie jedes erkennenden Subjekts geht in diesem Akt des Wissens
auf: „esse animae et cujuslibet cognoscentis est cognitio sui“.%)
Die Schranke zwischen Begriff und Existenz ist an diesem Punkte
durchbrochen: nur „formal“ lassen sich hier Erkennen und Sein
unterscheiden, während sie „real“ und „fundamental“ in eins zu-
sammenfallen.5) Alle Streitfragen über das „Wesen“ der Seele
entstehen nur daraus, dass eine falsche reflektierende Auffassung
sich an die Stelle der ursprünglichen Gewissheit schiebt, dass wir
„diskursiv“ und syllogistisch zu begründen suchen, was sich nur
anschaulich erfassen lässt.®) Jede Zerlegung des Erkenntnis-
prozesses, jede Verdoppelung in ein „Subjekt“ und ein „Objekt“
wird hier hinfällig. Wenn bei der Erfassung der Aussenwelt der
Intellekt sich leidend verhält, wenn er eine innere Umformung
seiner Wesenheit erfährt, so ist er im Akte des Selbstbewusst-
seins dieser Bedingtheit enthoben. Dieser Akt ist uns zugleich
„verborgen“ und „gewiss“: — das erstere, weil der Inhalt, den
wir in ihm ergreifen, sich nicht unmittelbar nach Art der Sinnen-
dinge vor Augen legen lässt, das zweite, weil er nichts anderes
als der Ausdruck unseres eigenen Wesens ist, der vor jeder gegen-
ständlichen Erkenntnis vorangehen muss.5)
So führt die neue Fragestellung — und dies hebt sie über
ihre lediglich metaphysische Bedeutung hinaus — zu einer inneren
Umgestaltung in der Rangordnung des Erkennens. Verein-
zelte Motive dieser Umbildung finden sich bereits in den ersten
Bestimmungen des Systems. Wenn alles abstrakte Denken auf die
Wahrnehmung der Aehnlichkeit zwischen sinnlichen Inhalten
zurückgeführt wird, so wird dies zunächst durchaus im nomina-
listischen Sinne verstanden: Bewegungen, die ihn gleichartig affi-
zieren. werden vom Geist mit ein und demselben Namen belegt
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