Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Erfahrung und Denken.

319

Keplers Werk über die Marsbewegung und nach Galileis Entdeckung
der Jupitertrabanten — veröffentlicht Cremonino, der angesehenste
 italienische Aristoteliker der Zeit, einen Kommentar zur
Schrift „de coelo“, in dem die Lehre des Copernicus als eine „moderne
 astronomische Kuriosität“ erwähnt und abgetan wird: sie gehöre
 einem „anderen Wissensgebiet“ an, um das der „Philosoph“
sich nicht zu kümmern habe.!#®) Man wende nicht ein, dass die
Aristotelische Ansicht vom Himmelsgebäude sich nur auf die
Erfahrungen seiner Zeit stütze und somit durch spätere Beobachtungen
 berichtigt werden könne: habe doch Aristoteles seine
Lehre nicht mit Rücksicht auf das Bekannte und Unbekannte,
sondern mit Rücksicht auf die allgemeine Natur der Dinge ausgebildet.
 10) Diese „allgemeine Natur“ ist durch die teleologische
Betrachtung ein für alle Mal erkannt und festgesetzt: die Vollkommenheit
 des Himmels bestimmt mit einer inneren Notwendigkeit,
 an die keine andersartige Erfahrung heranreicht, die Arl
und Gestalt seiner Bewegungen. !®!) Wenn in der individuellen
Substanz die eigentliche Grundlage im Voraus bekannt ist, so
genügt es, aus ihr die Einzelbestimmungen und Accidenzen rein
deduktiv zu entwickeln; wenn in dem immanenten Zweck eines
Dinges seine Wesenheit olfen zu Tage liegt, so begreift es sich,
dass alle entgegengesetzten Anzeichen, die Experiment und Beobachtung
 uns bieten, danach berichtigt und umgedeutet werden
müssen. Das Verhältnis zwischen Vernunft und Erfahrung,
zwischen Apriori und Aposteriori ist hier — wie Galilei nicht
müde wird, zu zeigen -— nicht zu klarer prinzipieller Entscheidung
gelangt. Statt sich gegenseitig in ihrer Notwendigkeit und ihrer
besonderen Eigenart anzuerkennen, gehen beide Momente nur
eine äussere und zufällige Mischung ein. Der Blick richtet
sich anfangs von der sinnlichen Welt hinweg auf ein rein
„ideales“ Universum, um in ihm das architektonische Vorbild der
Sinnenerfahrung zu entdecken. Der Begriff der Bewegung wird
als wesentlicher Inhalt des Naturbegriffs herausgehoben; die
Arten der Bewegung werden bestimmt und unterschieden. Aber
in diese Unterscheidung bereits, die nach der Absicht des Ganzen
aus rein logischen Gesichtspunkten erfolgen sollte, mischt sich ein
empirisches Moment. Indem die Sonderung der Bewegung der
Sonderung der Elemente folgt, indem dem Feuer eine absolute
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.