328 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.
möchten konkrete Gegenstände niemals als gleich zu bezeichnen
und anzuerkennen, wenn wir sie nicht auf diesen reinen Muster-
begriff beziehen könnten. Den unmittelbaren Objekten der Wahr-
nehmung gegenüber kann indes der Platonische Gedanke immer
von neuem in Frage gestellt werden; immer wieder gewinnt es
hier den Anschein, als hafteten die reinen Beziehungen unmittel-
bar an den Dingen, als seien Relationen, wie Gleichheit und
Grösse, in derselben Art wie Farbe und Ton als Eigenschaften
ler konkreten Dinge mitgegeben. Erst die Entwicklung der
Mathematik klärt endgültig über diesen Irrtum auf. Denn hier
sehen wir beständig neue Klassen von Inhalten entstehen, für
die die Anwendung der bisherigen Begriffe fraglich wird; — für
lie in jedem Falle der ideelle Gesichtspunkt der Beurteilung erst
zu entdecken ist. Die unendlichen Mannigfaltigkeiten bilden hier-
für das deutlichste Beispiel. Wir dürfen — wie die moderne
Weiterentwicklung des Galileischen Gedankens gelehrt hat — auch
bei ihnen von „Gleichheit“ sprechen: aber wir vermögen dies nur
auf Grund einer neuen Definition und „Hypothese“ der Gleich-
aeit und auf Grund einer veränderten Fassung, die wir den Be-
griffen des „Grösser“ und „Kleiner“ geben. Der ideelle Charakter
der begrifflichen Beziehung zeigt sich hier besonders deutlich, da
diese Beziehung und dieser Maassstab nicht unmittelbar bereit
liegt, sondern von uns erst zu erschaffen ist. Die neuere Mathe-
matik hat im Begriff der verschiedenen „Mächtigkeit“ einen
solchen Gesichtspunkt der „Vergleichung“ für unendliche Mannig-
‘altigkeiten gefunden und ausgezeichnet; sie kann daher, in einem
von ihr selbst genau begrenzten und vorgezeichneten Sinne, auch
in ihnen eine Art der „Grössenbestimmtheit“ festhalten. —
Für Galilei bleibt allerdings, solange er bei der Betrachtung
und Zerlegung des räumlichen Kontinuums verweilt, eine
innere dialektische Schwierigkeit zurück. Er hält durchgehends
an der Strenge und Wahrheit des Satzes von der unendlichen
Teilbarkeit fest; er bekämpft den Versuch, diesen Satz durch
logische Unterscheidungen der „potentiellen“ und „aktuellen“
Unendlichkeit abschwächen und in seiner unbedingten Anwend-
barkeit beschränken zu wollen. Die endliche Strecke enthält
ihre unendlich vielen Teile wirklich in sich: nur muss man
[reilich diese Wirklichkeit als eine solche auffassen. die durch