Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Giordano Bruno. 
und sein Begriffsvermögen zu ihnen selbst: er ist nur ein mattes 
Nachbild ihrer ursprünglichen Wesenheit. Die Welt der Begriffe 
ist der blosse Schatten der dinglichen Welt, die ihrerseits 
wiederum das Reich der ungewordenen und ewigen Ideen wider- 
spiegelt.”) Auch die Schrankenlosigkeit des Verstandes im Fort- 
schritt seiner Operationen ist nichts anderes, als eine Abart und 
ein Abglanz der unendlichen produktiven Tätigkeit des Alls. 21) 
Wenn somit eine durchgehende Entsprechung zwischen dem 
Intellekt und der Wirklichkeit besteht, so gilt sie doch nicht als 
durch die Erkenntnis selbst gesetzt und geschaffen, sondern 
ist das Produkt und der Ausdruck der ursprünglichen metaphy- 
sischen Verfassung des Universums. 
Auch die Darlegung des erkenntnistheoretischen Verhält- 
nisses zwischen Denken und Sinnlichkeit bleibt daher für 
Bruno an die Voraussetzungen seiner Metaphysik gebunden. In 
der dialektischen Entwicklung, die an diesem Punkte einsetzt, 
wiederholt sich noch einmal der Grundgegensatz, der die Philo- 
sophie des Nikolaus Cusanus ‚beherrschte; aber an die Stelle 
der Mathematik, die hier den Gedanken leitete, ist ein an- 
deres Motiv der Vermittlung getreten. Brunos Metaphysik ver- 
folgt — vor allem in der frühesten systematischen. Schrift: „De 
ambris idearum“ — zunächst durchaus den Neuplatonischen Weg. 
Die Transscendenz des „Einen“ steht im Mittelpunkt der Be- 
trachtung: wie immer der Intellekt vom Einzelnen zum Allge- 
meinen aufstreben mag, so bleibt doch zwischen seinen höchsten 
Einsichten und dem obersten Grunde alles Wissens eine Kluft 
bestehen, die er niemals auszufüllen vermag. Das Urwesen selbst 
ist jenseits alles Seins und alles Erkennens: alle Prädikate; die 
wir von ihm aussagen, zeigen es uns nicht in seiner eigenen 
Gestalt und Wahrheit, sondern vermögen nur negativ den Ab- 
stand und den Unterschied von jeder Bestimmung des endlichen 
Wissens zum Ausdruck zu bringen.?) Die Materie, als Grund 
der Vielheit und Erscheinungswelt, fällt dem Gebiete des Nicht- 
seins anheim; sie ist lediglich der wesenlose Widerschein und 
der „Abfall“ vom echten und höchsten Urgrunde. So muss denn 
auch die sinnliche Auffassung, die sich an die Vielheit und den 
Wechsel der Erscheinung verliert, lediglich als täuschender Schein 
gedeutet werden, den es zu vergessen und zu überwinden gilt.
	        
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