AT
Einleitung,
Der schrittweisen Erweiterung unseres Themas nach der
Seite der Natur- und Geisteswissenschaften, die wir bisher zu be-
gründen suchten, steht indess eine wesentliche Einschränkung
gegenüber, sofern wir uns damit begnügen, den Erkenntnisbegriff,
den die neuere Philosophie entwickelt hat, darzustellen und
zu zergliedern. Wenn bei der inhaltlichen Ausdehnung, die die
Aufgabe gewann, diese zeitliche Begrenzung notwendig wurde, so
dürfen wir ihre prinzipiellen Bedenken und Gefahren dennoch
nicht übersehen. Verzichten wir nicht auf die echten und wahr-
haften philosophischen Quellen und Anfänge, indem wir die antike
Spekulation von unserer Betrachtung ausschliessen? Liegt nicht
hier die eigentliche Urgeschichte unseres Problems und alle Keime
seiner künftigen Entfaltung? Wir müssen diese Frage von Anfang
an ohne jeden Rückhalt bejahen. Das moderne Denken würde uns
stets nur ein unvollkommenes und fragmentarisches Bild bieten,
wenn wir es gänzlich abgelöst von den Grundkräften und Quellen
der griechischen Philosophie betrachten wollten. Indessen ist
das Korrektiv, das es gegen jeden derartigen Versuch einer unme-
thodischen Isolierung schützt, in ihm selbst und seinem eigenen In-
halt bereits gegeben. Sein eigener innerlicher Fortschritt führt es
mit Notwendigkeit zu den Prinzipien und Fragen zurück, die die
griechische Spekulation ausgezeichnet und in typischen Gestaltun-
gen verkörpert hatte. Das Denken der neueren Zeit beweist seine
Eigenart darin, dass es bei allem inhaltlichen Reichtum, den es
gewinnt, sich der Verwandtschaft mit diesen logischen Grundformen
vdewusst hleibt und aus selbständigem Antrieb zu ihnen zurück-
strebt. So werden sie uns denn auch, indem wir uns dem ein-
{achen Fortgang der Untersuchung überlassen, von selbst entgegen-
treten. und eine Betrachtung ihres Inhalts fordern. —
Wenn wir nach einer äusseren Rechtfertigung dafür suchten,
dass die griechische Philosophie von unserer Aufgabe ausge-
schlossen bleiben soll, so brauchten wir um Gründe und Autori-
täten nicht verlegen zu sein. Eine bekannte und weitverbreitete
Auffassung des Griechentums sieht die sachliche Grenze, die es
von der modernen Zeit scheidet, eben darin, dass es ihm nicht
gelungen sei, das Problem der Erkenntnis in seiner Besonder-