Das Erkenntnisproblem in der griechischen Philosophie, 21
heit zu erfassen. Es ist kein Geringerer als Zeller, der sich zunı
Anwalt dieser Grundanschauung gemacht hat. Indem er den
unterscheidenden Charakter des griechischen Wesens in der „un-
gebrochenen Einheit des Geistigen und Natürlichen“ sieht, spricht
er der Antike damit zugleich das Bewusstsein des Geistigen als
eines völlig unvergleichlichen und selbständigen Problemgebietes
ab. Nun liesse sich diese Bestimmung, die von Hegel herrührt,
in der Tat rechtfertigen und durchführen, wenn sie nur besagen
wollte, dass innerhalb des Griechentums Natur und Geist nicht
als ausschliessende Gegensätze, nicht als zwei völlig getrennte und
einander widerstreitende Reiche des Seins gedacht und em-
pfunden werden, „Die Unterscheidung — so bemerkt Zeller mit
Recht — geht hier noch nicht zu der Annahme eines ursprünglichen
Gegensatzes und Widerspruches, zu dem grundsätzlichen Bruch
des Geistes mit der Natur fort, der sich in den letzten Jahrhun-
derten der alten Welt vorbereitet und in der christlichen sich im
grossen vollzogen hat. ... Auch der Grieche erhebt sich über die
Welt des äusseren Daseins und die unbedingte Abhängigkeit von
den Naturgewalten, aber er hält die Natur deshalb weder für un-
rein, noch für ungöttlich, sondern er sieht in ihr unmittelbar die
Erscheinung höherer Kräfte.“ Diese Wertschätzung der imma-
nenten Wirklichkeit, dieses Verharren in den Fragen und Auf-
gaben des diesseitigen Seins bildet in der Tat einen charakte-
ristischen Vorzug des antiken Geistes und der antiken Sittlich-
keit. Aber es ist schon nicht mehr zutreffend, wenn man diese
seine Eigentümlichkeit als eine natürliche Anlage beschreibt,
die ihm von selbst und mühelos zugefallen wäre. „Dieser Stand-
punkt ist hier nicht ein Erzeugnis der Reflexion; er ist nicht
erst durch einen Kampf mit der entgegenstehenden Forderung
der Naturverleugnung errungen, wie dies bei den Neueren der
Fall ist, wenn sie sich zu den gleichen Grundsätzen bekennen,
sondern dem Griechen erscheint beides gleich sehr notwendig,
dass er der Sinnlichkeit ihr Recht lasse, und dass er sie durch
den bewussten Willen mässige, er weiss es gar nicht anders,
und er bewegt sich deshalb mit voller Sicherheit, mit dem
unbefangensten Gefühl seiner Berechtigung in dieser Richtung.“
Die modernen Forschungen zur griechischen Religionsge-
schichte haben uns dagesen mit den schweren geistigen Er-