Der Raum als „eingeborene Idee“.
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schärfer kennzeichnen und es nicht strenger von dem scholastischen
Verlangen nach Ergründung der Wesenheiten der Dinge abscheiden.
als Descartes es in diesen Sätzen getan hat. —
Und diese Tendenz bleiht keineswegs auf die Methodenlehre
beschränkt, sondern sie wirkt bis in die Metaphysik fort, ja sie
ist selbst in ihren entlegensten Folgerungen nicht gänzlich auf-
gehoben. Die Ausdehnung ist, in der Sprache dieser Meta-
physik, eine „eingeborene Idee“: ein Inhalt, der nicht von aussen
her in den Geist übertragen wird, sondern ihm aus seiner eigenen
Tätigkeit, die nur der Anregung durch den äusseren Eindruck
bedarf, selbständig erwächst. Denn die Bew egungen, die von
aussen her unsere Sinnesorgane treffen, haben sämtlich eine fest
begrenzte, individuelle und besondere Natur: aus ihnen können
also ebensowenig die universalen logischen und wissenschaftlichen
Grundsätze, wie die reinen, mathematischen Begriffe entspringen,
wenn wir dem Denken nicht eine ursprüngliche Fähigkeit zu-
sprechen, das Mannigfache und Getrennte zu einer Einheit zu-
sammenzufassen, wenn wir, mit anderen Worten, die allgemeinen
Gedanken von Ausdehnung, Gestalt und Bewegung nicht als Norm
ınd Maassstab des Sinnlichen vorangehen lassen.®) Und so darf
es Descartes aussprechen, dass die Körperwelt selbst, in strenger
und eigentlicher Bedeutung, nicht durch die Sinne und die Ein-
bildungskraft, sondern durch den reinen Verstand erkannt
wird.®) Wir tragen „in uns selbst die reinen Grundbegriffe, die
als die Originale anzusehen sind, nach deren Muster wir all
unsere anderen Erkenntnisse bilden.“ Solcher Grundbegriffe gibt
2s verschiedene, je nach den verschiedenen Klassen und Pro-
blemen, die Gegenstand unser Forschung werden können: wäh-
rend die einen, wie das Sein, die Zahl und die Dauer für alle
Inhalte gleichmässig gelten, beziehen sich die anderen, wie Raum,
Figur und Bewegung speziell auf den Körper, wieder andere,
wie die Idee des Denkens, allein auf die Seele.%) Wir können
von diesem letzteren Zusammenhange zunächst absehen, um allein
die Prinzipien zu betrachten, die zum Aufbau des physika-
iischen Seins gebraucht werden. Wir erkennen alsdann, dass
derjenige Begriff der Natur, den die wissenschaftliche Forschung
zu Grunde legt, erst dadurch entsteht, dass wir mit unseren
reinen logischen und mathematischen Idealbegriffen dem empi-