Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Raum als „eingeborene Idee“. 
393 
schärfer kennzeichnen und es nicht strenger von dem scholastischen 
Verlangen nach Ergründung der Wesenheiten der Dinge abscheiden. 
als Descartes es in diesen Sätzen getan hat. — 
Und diese Tendenz bleiht keineswegs auf die Methodenlehre 
beschränkt, sondern sie wirkt bis in die Metaphysik fort, ja sie 
ist selbst in ihren entlegensten Folgerungen nicht gänzlich auf- 
gehoben. Die Ausdehnung ist, in der Sprache dieser Meta- 
physik, eine „eingeborene Idee“: ein Inhalt, der nicht von aussen 
her in den Geist übertragen wird, sondern ihm aus seiner eigenen 
Tätigkeit, die nur der Anregung durch den äusseren Eindruck 
bedarf, selbständig erwächst. Denn die Bew egungen, die von 
aussen her unsere Sinnesorgane treffen, haben sämtlich eine fest 
begrenzte, individuelle und besondere Natur: aus ihnen können 
also ebensowenig die universalen logischen und wissenschaftlichen 
Grundsätze, wie die reinen, mathematischen Begriffe entspringen, 
wenn wir dem Denken nicht eine ursprüngliche Fähigkeit zu- 
sprechen, das Mannigfache und Getrennte zu einer Einheit zu- 
sammenzufassen, wenn wir, mit anderen Worten, die allgemeinen 
Gedanken von Ausdehnung, Gestalt und Bewegung nicht als Norm 
ınd Maassstab des Sinnlichen vorangehen lassen.®) Und so darf 
es Descartes aussprechen, dass die Körperwelt selbst, in strenger 
und eigentlicher Bedeutung, nicht durch die Sinne und die Ein- 
bildungskraft, sondern durch den reinen Verstand erkannt 
wird.®) Wir tragen „in uns selbst die reinen Grundbegriffe, die 
als die Originale anzusehen sind, nach deren Muster wir all 
unsere anderen Erkenntnisse bilden.“ Solcher Grundbegriffe gibt 
2s verschiedene, je nach den verschiedenen Klassen und Pro- 
blemen, die Gegenstand unser Forschung werden können: wäh- 
rend die einen, wie das Sein, die Zahl und die Dauer für alle 
Inhalte gleichmässig gelten, beziehen sich die anderen, wie Raum, 
Figur und Bewegung speziell auf den Körper, wieder andere, 
wie die Idee des Denkens, allein auf die Seele.%) Wir können 
von diesem letzteren Zusammenhange zunächst absehen, um allein 
die Prinzipien zu betrachten, die zum Aufbau des physika- 
iischen Seins gebraucht werden. Wir erkennen alsdann, dass 
derjenige Begriff der Natur, den die wissenschaftliche Forschung 
zu Grunde legt, erst dadurch entsteht, dass wir mit unseren 
reinen logischen und mathematischen Idealbegriffen dem empi-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.