Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Anfänge der Physik. 
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die Willkür der Phantasie oder die widerspruchsvolle und 
verworrene Empfindung zum Führer wählen wollten.“ Wer einen 
Gegensatz zwischen Mathematik und Natur anerkennt, der ver- 
zichtet damit auf jeden Maassstab und jede Möglichkeit des Ver- 
nunfturteils. Unsere exakten Begriffe und Grundsätze mögen 
vielleicht nicht die Norm des absoluten Seins darstellen; in jedem 
Falle aber müssen sie, was für die Erkenntnis auf dasselbe 
hinausläuft, das bindende Kriterium aller unserer Urteile über 
Existenz bleiben. Denn was ist absurder und unüberlegter, als 
iber Dinge urteilen zu wollen, von denen wir selbst zugestehen, 
dass sie sich der „Perception‘“ unseres Geistes entziehen? Die 
Philosophie und die Wissenschaft begreift den Unterschied nicht, 
den eine falsche Metaphvsik ihr an diesem Punkte unterzuschieben 
sucht. Ihr „Sein“ — das einzige, nach dem sie strebt — ist ihr 
mit ihrer Wahrheit identisch: „a nosse ad esse valet consequentia.38) 
Die Ausführung der speziellen Physik schliesst sich über- 
all eng dem Grundschema an, das durch die Methodenlehre vor- 
gezeichnet ist. Bei jeder Gattung von Fragen, die uns entgegen- 
tritt, handelt es sich zunächst darum, sie einer gedanklichen Um- 
wandlung zu unterziehen, durch die diejenigen Momente, die 
der Forderung exakter Erkenntnis genügen, an ihnen herausge- 
hoben werden. Vor allem müssen wir uns beständig das Postu- 
‘at vor Augen halten, kein Element zu dulden und in der Unter- 
suchung zuzulassen, dessen Inhalt sich nicht rein durch ein 
‚Mehr“ oder „Weniger“, durch eine exakte Grössenbeziehung zum 
Ausdruck bringen lässt. Die Fruchtbarkeit dieses Gedankens 
arweist sich zunächst an den Problemen der Statik. Wenn zur 
Zeit Descartes’ die verschiedenen „Maschinen“, wie der Hebel, 
lie schiefe Ebene, der Flaschenzug, noch zumeist als gesonderte 
Probleme und mit speziellen Darlegungen und Beweisen erörtert 
wurden, so ergreift Descartes sogleich die philosophische Seite 
der Frage, indem er einen gemeinsamen Oberbegriff verlangt, 
aus dem all ihre Leistungen verständlich und ableitbar werden. 
Er fixiert ihn im Begriff der „Arbeit“ und im virtuellen Prinzip, 
das er als einer der Ersten in voller Schärfe und Allgemeinheit
	        
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