Statik und Dynamik.
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irische Auffassung und Repräsentation der Geschwindigkeit ent-
hält weiterhin unmittelbar den Gedanken der durchgängigen
Relativität der Bewegung in sich; denn da uns die Bewegung
keine innere, absolute Eigenschaft eines Körpers mehr darstellt,
da wir an ihr nichts anderes, als den Stellenwechsel im Raume
betrachten, so ergibt sich, dass sie ohne Angabe eines festen
Bezugssystems jeglichen Inhalt verliert. Hierbei ist es, wenn wir
nur die Lageänderung zweier Körper gegeneinander betrachten,
offenbar völlig gleichgültig, welchen der beiden wir als feststehend,
welchen als bewegt betrachten, oder wie wir allgemein die rela-
tive Geschwindigkeit zwischen ihnen verteilen wollen. Das
Verhältnis ist durchaus wechselseitig und‘ rein umkehrbar, es
kann nicht ohne Widerspruch einem einzelnen der beiden Sub-
jekte ausschliesslich anhaftend gedacht werden. „Ruhend“ und
‚fest“ ist also jedes Element, dem wir in unserem Denken
liese Bezeichnung und diesen Wert zusprechen: nicht der äussere
Zwang der Sache, sondern die Setzung des Gedankens enthält die
Entscheidung darüber. Wie mit dieser Grundanschauung syste-
matisch zugleich der Gedanke der Zusammensetzung der Bewe-
gung und des Kräfteparallelogramms gegeben ist, haben wir
früher verfolgen können. (S. ob. S. 333.) Allgemein hat für
Descartes die Einsicht in den bedingten und relativen Charakter
jeder räumlichen Setzung unmittelbar philosophische Bedeutung
und Rückwirkung gehabt. Sie hat ihn vor der gefährlichsten
Form der Verdinglichung desRaumes, vor seiner Hypostasierung
zu einer geistigen, immateriellen Wirklichkeit bewahrt. In dieser
Hinsicht ist besonders sein Streit mit Henry More, dem meta-
physischen Vorläufer der Newtonischen Theorie des „absoluten
Raumes“, bezeichnend und bedeutsam.) Wir sahen bereits, wie
die Naturphilosophie, wo sie versuchte, die Reinheit und
Unabhängigkeit der mathematischen Wahrheiten festzu-
halten, sich dazu gedrängt sah, ihnen in der Annahme eines
unkörperlichen Raumes einen festen existentiellen Halt und ein
dingliches Gegenbild zu geben. (S.ob.S.230f.) Der gleiche Gedanke
wird von Descartes’ Zeitgenossen Roberval erneuert, von ihm
aber ausdrücklich verworfen und zurückgewiesen.4) Und wir
erkennen in dieser Abwehr seine allgemeine Grundüberzeugung
wieder: die Sicherheit der Mathematik ist nicht auf das Dasein