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Descartes,
des „Leeren“ zu gründen, sondern umgekehrt muss alles Dasein
und alle physikalische Wirklichkeit von Anfang an so gefasst
und bestimmt werden, dass sie den Bedingungen der reinen
Geometrie genügt.
Schärfer noch als in der Begriffsbestimmung des Seins
kommt dieser Gedanke in der Analyse des Wirkens zum Durch-
bruch. Der Abstand,.der Descartes von der naiven Anschauung
und der unmittelbaren phantasievollen Erfassung der Wirklich-
keit trennt, tritt hier mit voller Deutlichkeit hervor. Wenn
für diese, wie wir geschichtlich im Einzelnen verfolgen konnten,
das kausale Geschehen nur unter der Voraussetzung durchge-
hender Belebung der Dinge seinen Sinn erhielt, so wird hier
umgekehrt das Leben nur als ein Sonderfall der mathematisch-
mechanischen Gesetze gedacht; wenn ‚dort das All, um uns
innerlich verständlich zu werden, mit Empfindung begabt werden
musste, so muss hier, zum gleichen Zwecke, die Empfindung
überall ausgeschaltet und selbst den Tieren abgesprochen werden.
Die Umformung der gesamten Denkart lässt sich nicht schärfer
kennzeichnen, als wenn man in dieser Hinsicht etwa Descartes
und Giordano Bruno vergleicht. Das materiale Weltbild beider
weist noch mancherlei äussere Aehnlichkeit auf. Bei beiden
wird die Einwirkung eines Einzelteils auf einen andern durch das
Dasein eines stetigen „Weltäthers“ vermittelt, geht somit alle
physikalische, wie chemische Veränderung im letzten Sinne
auf die Berührung und den Stoss unmittelbar benachbarter
materieller Teile zurück. Aber es sind völlig neue Motive, die
jetzt diese Gesamtansicht stützen und begründen müssen. ‘Jeder
Anthropomorphismus ist ausgeschaltet; was wir suchen, ist nicht
der Einblick in das innere Geschehen und gleichsam seine sinn-
liche Nachempfindung, sondern lediglich das Gesetz, das den
Uebergang von der Ursache zur Wirkung regelt. Wie wir in der Geo-
metrie die Mannigfaltigkeit der Gestalten dadurch zur Bestimmung
brachten, dass wir sie auf ein festes Koordinatensystem bezogen,
SO erschaffen wir uns hier zunächst eine gleiche systematische
Grundeinheit für die Veränderung, indem wir bei allem Wechsel
eine bestimmte „Quantität der Bewegung“ als gleichbleibend er-
halten denken. Ist diese mathematische Identität als erste
Voraussetzung festgestellt, so durchschauen wir damit bereits