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Einleitung .
schütterungen bekannt gemacht, die auch das Griechentum durch
den Gedanken der Transscendenz erfahren hat. Die Weltan-
schauung der homerischen Gedichte spiegelt uns in ihrer Freiheit
von allem Zwange und aller Furcht des Jenseits nur eine kurze
Durchgangsphase der Entwickelung wieder, die, kaum erreicht,
bereits wieder verlassen war. Eine asketische und lebensfeind-
liche Stimmung, ein schroffer und düsterer Dualismus, der das
Sein der Körperwelt entwertet, dringt in engeren, abgeschlossenen
Kreisen, innerhalb der orphischen Sekten zu Tage, bis er — unter
der Einwirkung des thrakischen Dionysoskults — das religiöse
Gesamtleben der Nation ergreift. Zu alleiniger und dauernder
Herrschaft zwar vermag er auch jetzt nicht zu gelangen: immer
von neuem regen sich die geistigen Grundkräfte, die das Mass-
lose zu gestalten und in feste künstlerische und verstandes-
mässige Formen einzugrenzen suchen.) Die „Harmonie“ des grie-
chischen Wesens aber erscheint schon hier nicht mehr als eine
selbstverständliche Mitgift und Naturgabe des antiken Geistes,
sondern als eine Errungenschaft, die er gegenüber feindlichen
Mächten beständig aufs neue zu erwerben und zu behaupten hat.
Von neuem tritt uns dieser Grundzug bei demjenigen Denker ent-
gegen, in dem sich der Inhalt und die Bestimmung der griechischen
Kultur am tiefsten und reinsten ausprägen. Wie sehr Platon
von den orphischen Tendenzen beherrscht und bis in Einzellehren
hinein bestimmt ist: er hat sie innerlich bereits bewältigt und
äber sich selbst hinausgeführt. Indem er die Probleme, die hier
in der Sprache des Mythos sich verhüllen, zuerst in philosophische
Beleuchtung rückt, indem er sie einem System unterordnet, dessen
zentrale Frage auf das Wissen und seine Bedingungen gerichtet
ist, hat er ihre gefährliche und sinnverwirrende Kraft bereits ge-
brochen. Jetzt müssen sich die Begriffe der Mystik selbst dem
Zwange und den Forderungen der Erkenntnis fügen. An dem
Grundbegriff der „Psyche“ kann man diesen inneren Fortschritt
verfolgen: wie er einerseits von Platon ganz unbefangen im Sinne
der religiösen Zeitanschauungen oder auch im Sinne der altjoni-
schen Naturphilosophie gebraucht wird, während sich auf der an-
dern Seite immer schärfer seine neue Bedeutung herausbildet, nach
der er die Einheitsfunktion des Bewusstseins bezeichnet,
Wenn Platons fundamentale philosophische Tat darin bestand,