Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Descartes. 
vorgezeichnet ist, so sollen wir uns der unendlichen Fülle der 
Erfahrung nicht verschliessen, aber sie mit einem festen und 
zuvor bestimmten Plane und Entwurf des Gedankens zu beherr- 
schen trachten. 
Hier stehen wir vor einem neuen Problem: welcher Wert 
kommt der Erfahrung zu und welche Bedeutung kann sie für 
das Ganze der Methode in Anspruch nehmen? — 
Von der Beantwortung dieser Frage hängt das geschicht- 
liche und sachliche Urteil über Descartes’ Wissenschaftstheorie 
ab. Wenn diese Theorie sich nicht für die empirischen Probleme 
bewährt, wenn sie keinen Ansatzpunkt und keine Handhabe 
bietet, vermöge deren sie zu den Tatsachen der Beobachtung 
in Beziehung gesetzt werden kann, so bleibt sie ein spekulatives 
Luftschloss, so ist sie im günstigsten Falle eine rein ideelle Form 
ohne sachlichen Gehalt und Anwendung. War es doch die 
Mannigfaltigkeit und Besonderheit der Dinge, von der Des- 
cartes zwar nicht mehr ausgehen wollte, auf die aber doch alle 
Erkenntnis schliesslich wieder hinlenken und abzielen sollte. 
In der Tat stellt daher der allgemeine Grundplan der Regeln 
neben die Logik der Mathematik eine eigene Logik der Er- 
fahrung, neben die „vollkommen bestimmten“ mathematisch- 
physikalischen Probleme eine Reihe anderer Fragen, zu deren 
Lösung wir auf das Experiment und seine Entscheidung zu- 
rückgreifen müssen.4) Der dritte Teil des Werkes, der diesen 
Gedanken zur Ausführung bringen sollte, ist indes von Des- 
cartes nicht mehr geschrieben worden; das Fragment bricht ge- 
rade an diesem wichtigen Punkte ab. Es mögen innere Gründe 
sSewesen sein, die Descartes an der Fortführung der Schrift ge- 
hindert haben. Seine Geometrie stand ihm, als er die „Regeln“ 
schrieb, zum mindesten in ihren wesentlichen Grundzügen 
klar vor Augen: seine Physik indes war lediglich ein Entwurf, 
der noch der Ausführung harrte. Erst im Jahre 1629 wendet 
cr sich — angeregt durch eine Frage über das Phänomen der 
„Nebensonnen“ — der Beobachtung physikalischer Erscheinungen 
zu, die er alsbald über alle Hauptgebiete des Naturgeschehens
	        
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