Die gedanklichen Voraussetzungen der Induktion. 403
gedanklicher Elemente vorwegzunehmen; wobei allerdings erst
die Uebereinstimmung mit den Phänomenen uns der Wahrheit
einer bestimmten Annahme versichern kann. Die „Erfahrung“
wird an dieser Stelle selbst zu einer Bewährung und Bekundung
der Aktivität des Geistes: die Analyse erst ist es, die ihr den
Weg weist. Mit voller Klarheit tritt dieser Gedanke in der be-
kannten methodischen Untersuchung hervor, die Descartes an
einer Grundfrage seiner Optik durchführt. Wenn die Aufgabe
gestellt ist, das Verhältnis zwischen Einfallswinkel und Brech-
ungswinkel allgemein zu ermitteln: so wird hier weder das
„Aapriorische“ Verfahren der Schulphilosophie, noch auch die un-
mittelbare Erfahrung zum Ziele führen können. Denn wir wissen
zunächst nicht, unter welchem bestimmten Gesichtspunkt wir den
komplexen Fall betrachten, welches Einzelmoment die Beobach-
lung herausgreifen und untersuchen soll. Somit gilt es zunächst,
eine einfache Bedingung festzustellen, von der das gesuchte Ver-
hältnis abhängig sein kann; es gilt den besonderen Umstand, der
die Brechung zur Folge hat, hypothetisch zu fixieren. Hier
werden wir alsbald, als auf den einzigen Unterscheidungsgrund,
auf die verschiedene Dichtigkeit der Medien geführt. Wie
wir uns ferner die Aenderung zu erklären haben, die die Ge-
schwindigkeit eines Lichtstrahls beim Uebergang zu einem dich-
teren Medium erleidet, das hängt von der Vorstellung ab, die wir
uns von der Natur des Lichtes selbst machen: eine Vorstellung,
die ihrerseits wieder durch unsere Anschauung von der Wirk-
samkeit einer Naturkraft überhaupt bedingt ist. So löst sich
uns die scheinbar einheitliche Frage forischreitend in ein Gewebe
mannigfach verschlungener Einzelläden auf. Erst wenn wir jeden
von ihnen einzeln herausgesondert und betrachtet, erst wenn wir
somit volle Einsicht in die innere logische Struktur des Pro-
blems gewonnen haben, können wir an die Erfahrung heran-
Lrelen, um sie zu befragen, Denn nur von völlig „einfachen“ und
„absoluten“ Verhältnissen, die keinen uns prinzipiell fremden
Nebenumstand mehr in sich enthalten und bergen können, ist
eine sichere und eindeutige Erfahrung möglich.‘0) Die gedank-
liche Zerfällung in die Teilbedingungen entscheidet darüber, an
welchem Punkte der Untersuchung das Experiment mit Recht
und mit Erfolg einsetzen kann. So geht Descarles — um nur
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