Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die „Harmonie“ des griechischen Geistes. 
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das Sein der „reinen Gestalten“ zu entdecken und sie der Welt 
des sinnlichen und veränderlichen Scheins entgegenzusetzen, So 
ist der ganze innere Fortschritt seiner Gedankenarbeit darauf ge- 
richtet, die Beziehung zwischen diesen beiden Gliedern des Seins 
wiederherzustellen und immer enger zu knüpfen. Nicht indem er 
über die Erfahrung hinwegsieht, sondern indem er sich immer 
fester an sie schliesst, um mit allen Mitteln des reinen Begriffs die 
Aufgabe, die sie stellt, zu erfassen und der Lösung entgegenzu- 
führen, vollendet Platon den logischen Aufbau seines Systems. 
Das Moment des Empirischen wird nicht liegen gelassen, sondern 
in stets erneutem Ringen der Idee zu unterwerfen gesucht. Auch 
hier spiegelt somit die Einheit der Lehre den Widerstreit wieder, 
aus dem sie sich emporgerungen hat. Wenn unter dieser Betrach- 
tungsweise der Einklang der griechischen Lebensanschauung we- 
niger rein und ungebrochen erscheint, So tritt uns darin ihre selbst- 
bewusste Energie und Tiefe nur um So deutlicher entgegen. Das 
Hegelsche Schema indess birgt eine gefährliche Doppeltendenz, in- 
dem es die Klarheit der antiken Kultur zuletzt auf ihren inneren 
Mangel an Gehalt zurückdeutet und somit die „klassische“ Form 
im letzten Grunde wiederum unvermerkt zur leeren Hülle herab- 
setzt. „Die Gegensätze, zwischen denen sich das menschliche 
Leben und Denken bewegt, sind noch weniger entwickelt, ihr Ver- 
hältnis ist noch harmonischer und gefälliger, ihre Ausgleichung 
leichter, freilich aber auch oberflächlicher, als in der 
modernen, aus weit umfassenderen Erfahrungen, härteren Kämpfen 
und zusammengesetzteren Verhältnissen entsprungenen Weltan- 
sicht.“ (Zeller.) %) 
Die Art, in der das Problem des Erkennens in der grie- 
chischen Philosophie zur Entdeckung gelangt, um sich alsbald 
in eine gegliederte Mannigfaltigkeit charakteristischer Frage- 
stellungen und Lösungen auseinanderzulegen, würde für sich allein 
hinreichen, dieses allgemeine Urteil wesentlich einzuschränken. 
Man darf in der Tat den Satz wagen — und wir werden Ver- 
suchen, ihn wenigstens in allgemeinen Umrissen auszuführen — 
dass der gesamte Fortgang der griechischen Spekulation durch die 
stetige und konsequente Entwicklung ihres Wahrh eitsbegriffs 
bestimmt und geleitet ist. In dem gleichen Sinne, wie der for- 
male Massstab der Wahrheit sich umgestaltet, wandelt sich
	        
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