Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung, 
der Inhalt der verschiedenen Systeme. So bildet der Gesichts- 
punkt der Erkenntnis und der Wissenschaft hier bereits das 
latente Regulativ der philosophischen Gesamtbewegung. Zwar 
darf man zugeben, dass es hier nicht entfernt „zu jener genauen 
Zergliederung der Vorstellungstätigkeit kommt, wie sie 
in der neueren Philosophie seit Locke und Hume vorgenommen 
worden ist“, dass — mit anderen Worten — das psychologische In- 
teresse an der Entstehung der Vorstellungen nirgends zum eigent- 
lichen Zentrum und Zielpunkt wird. Die psychologischen Grund- 
einsichten sondern sich nur als mittelbarer Ertrag: aus dem Fort- 
schritt der objektiven Untersuchung heraus. Zu je reinerer Be- 
trachtung und Beherrschung der äusseren Wirklichkeit der Ge- 
danke sich erhebt, zu umso schärferer Abscheidung gelangen die 
„subjektiven“ Aussagen und Vermögen der Sinne. Heraklit wie 
die Eleaten, die Atomistik wie die Naturphilosophie des Anaxa- 
goras und Empedokles vereinen sich hier zu dem gleichen Ziele. 
Die psychologische Fundamentalunterscheidung der „primären“ 
und „sekundären“ Qualitäten wird rein in der Richtung auf die 
objektiven Prinzipien der Natur und deren gedankliche Sicherung 
erreicht. Auch bei Platon bildet die Psychologie nirgends den 
Selbstzweck, sondern nur ein Mittel, das dem Verständnis der 
systematischen Abhängigkeit der Erkenntnisinhalte dienen soll: 
aber gerade unter diesem Leitgedanken gelangt sie bei ihm zu 
kräftigster und originalster Entfaltung. Die psychologische Zer- 
gliederung der Sinneswahrnehmung, wie sie der "Theätet, die 
Analyse des Lust- und Unlustbegriffs, die der Philebus enthält, 
sind durch die moderne Kritik zwar ergänzt, aber in den we- 
sentlichen Bestimmungen nicht angetastet worden. So hat sich 
die Hingabe an die objektiv gültigen wissenschaftlichen Prinzipien 
zugleich für die Fassung und Vertiefung des Bewusstseinsbe- 
griffs fruchtbar erwiesen. Hierin aber zeigt sich Platon der 
modernen Denkart, wie sie sich allerdings nicht in Locke und 
Hume, wohl aber in Leibniz und Kant ausspricht, innerlich ver- 
wandt. Wenn Zeller die spezifische Eigenart des Platonischen Idea- 
jismus darin erblickt, dass er nicht auf die Analyse der subjek- 
tiven Erkenntnistätigkeit den wesentlichen Nachdruck lege, 
dass er nicht, wie die Neueren, zunächst die Entwicklung des 
Wissens nach ihrem psychologischen Verlauf und ihren Bedin-
	        
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