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Descartes.
hierin bekundet, tritt am deutlichsten am kosmologischen
Problem hervor, das seit den Zeiten des Copernicus als allgemeiner
Prüfstein der philosophischen Naturauffassung gelten darf. Die
Frage nach der Unendlichkeit der Welt bleibt — selbst wenn
wir von den theologischen Bedenken absehen, die ihre klare
Beantwortung verhinderten — bei Descartes unentschieden und
zweideutig. Er spricht es aus, dass vom Standpunkt unserer
‚klaren und deutlichen Perception“ eine räumliche Begrenzung
des Universums niemals nachweisbar sei, ja dass sie einen inneren
Widerspruch in sich schliesst. Und dennoch will er diesen
Widerspruch selbst nicht ausdrücklich und positiv verwerfen:
vermag doch die absolute göttliche Allmacht selbst das Wider-
sprechende zu verwirklichen. ®%) Wir stehen hier vor einer völligen
Umkehrung des Verhältnisses zwischen Denken und Sein. Die
‚ewigen Wahrheiten“ der Geometrie wie der Logik sind nur des-
halb giltig, weil Gott ihnen diesen Wert und diese Sanktion er-
(eilt hat; sie sind das Produkt seiner freien, durch Nichts be-
schränkten Willkür. Der Satz der Identität selbst ist eine Not-
wendigkeit, die unserm Denken von aussen her als feste Satzung
singeprägt ist, nicht eine Norm, die für das Sein unbedingt
verbindlich ist. Vermessen wäre es, behaupten zu wollen, dass
es Gott unmöglich gewesen wäre, zu bewirken, dass ein Berg ohne
Tal existiere, oder dass 1 + 2 nicht gleich 3 sei; wir müssen uns
mit der Feststellung begnügen, dass er unseren Verstand derart
eingerichtet hat, dass er eine derartige Möglichkeit nicht zu be-
greifen vermag.) Das Grundprinzip des Rationalismus ist damit
aufgeopfert; die Gesetze der Erkenntnis sind zu zufälligen „Ein-
richtungen“ und Konventionen herabgedrückt. In dieser Folge-
rung aber, die in der Tat notwendig war, wenn mit dem Begrifl
des unbedingten Daseins voller Ernst gemacht wurde, hat
Descartes nicht nur seine Erkenntnislehre, sondern selbst seine
Metaphysik entwurzelt. Wenn alle unsere logischen und ethischen
Maassstäbe für Gott selbst unverbindlich sind, wenn die „Gesetze
des Wahren und Guten die göttliche Allmacht nicht beschränken“:
was besagt alsdann jenes bekannte Argument, dass wir die Realität
der Körperwelt annehmen müssen, um Gott nicht zum „Betrüger“
zu machen? Auch die „Meditationen“ gingen in ihrer Beweis-
führung von der Voraussetzung aus, dass alles. was wir klar und