Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Gott und die „ewiven Wahrheiten“. 
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deutlich begreifen, zugleich „mögliche Existenz“ besitzt; sie fussen 
also in all ihren weiteren Entwicklungen auf einer Einschrän- 
kung des Begriffs der Möglichkeit, die jetzt aufgegeben ist. 
War es vorher die Sicherheit der Idee, die uns allein zu jeder Art 
von Sein hinführen konnte, so sollen wir jetzt dieser Sicherheit, 
selbst in den klarsten und evidentesten Folgerungen der Mathe- 
matik, nicht eher vertrauen dürfen, als bis wir über den „Ur- 
heber unserer Existenz“ volle Gewissheit erlangt haben.) 
Die Erkenntnis ist sich selber nicht mehr der giltige und echte 
Ursprung; sie muss durch einen metaphysischen Daseinsgrund 
bestätigt und gestützt werden. Der logische Zirkel, der hierin 
unvermeidlich liegt, ist schon von den Zeitgenossen Descartes 
bemerkt und hervorgehoben worden. Der Zweifel richtet sich 
anfangs — wie besonders in der klaren und mustergiltigen Dar- 
stellung seiner einzelnen Phasen in der „Recherche de la verile 
par la lumi@re naturelle“ deutlich wird — nur auf die Existenz 
der transscendenten Objekte, nicht auf das Sein der Wahrheiten 
selbst. Erst nachträglich und vermöge einer metaphysischen 
Fiktion zieht er auch die formalen Prinzipien des Denkens in 
seinen Kreis, verschliesst sich aber damit jeden möglichen Rück- 
weg. Wir sahen, dass Descartes in der Physik nur deshalb zu 
vorschnellen Annahmen gedrängt wurde, weil ihm der schlichte 
Gehalt der mathematischen Voraussetzungen nicht genügte; wir 
finden jetzt, dass er, indem er nach einem Seinsgrund für die Ge- 
setze der Erkenntnis fragt, sich nur zu willkürlichen metaphy- 
sischen Hypothesen geführt sicht. Ueberall, wo das Denken 
seinen eigenen Mittelpunkt und seine eigene, selbstgenügsame 
Rechenschaftsablegung aufgibt, verfällt es damit äusseren, seiner 
Wesenheit fremden Mächten, gleichviel, ob man diese als „göttlich“ 
oder „dämonisch“ bezeichnen mag. — 
Einen inneren Gradmesser dieser Umwandlung besitzen wir 
in dem Bedeutungswandel, den die „eingeborenen Ideen“ allmäh- 
lich erfahren. Sie bezeichnen zunächst und ursprünglich nichts 
anderes, als die grundlegenden Voraussetzungen der Methode: 
für Descartes, wie später für Leibniz, ist der gesamte Inhalt der 
Algebra und Geometrie „eingeboren‘“, weil er als „spontane 
Frucht“ aus den Prinzipien der Methode erwächst.®) Niemals 
hätte man somit Descartes den Widersinn zutrauen sollen, dass
	        
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