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Einleitung
lichen Beispielen und durch empirische Proben erwiesen hätten,
zuerst diese Lehre in die Form einer freien Wissenschaft gebracht
habe: „indem er von oben her die Prinzipien betrachtete und
ohne stoffliche Hilfe, rein gedanklich die Theoreme durchforschte.“
(dvmdev tac dpyda AÜTÄS ETISKOTOLLEVOG XAl dülmg Xal voephhG Td ÜempkiLate
3ıepeuva.evoc.)*) So ringt sich, gegenüber der Geometrie der Aegypter,
die noch in den nächsten praktischen Zielen empirischer Messung
wurzelte, hier zuerst der Gedanke einer reinen, streng deduktiven
Wissenschaft ans Licht. Eine neue Art von Wahrheiten wird
entdeckt, die rein für sich und ohne dass nach der Existenz der
Einzelsubjekte und Einzelbeispiele gefragt zu werden brauchte,
Bestand und Gewissheit besitzen. Freilich vermag das Denken
diesen „Bestand“ noch nicht anders auszudrücken und festzu-
halten, als indem es ihm selbst die Form des Seins gibt. Die
echte Wesenheit der Dinge kann nun nicht länger in den kon-
kreten sinnlichen Substanzen der Physiker gesucht, sondern muss
in einem allgemeinen, rein gedanklichen — Urstoff begründet
werden. So steht die Pythagoräische Lehre durch den Gesichts-
punkt und die Kategorie der Betrachtung, die sie zu Grunde
legt, noch im engen Zusammenhang mit der Jonischen Speku-
ıation, die sie andererseits doch mit einem völlig veränderten In-
halt erfüllt. Um der neuen Einsicht, die von der Erkenntnis und
ihrer Gliederung erreicht ist, zu genügen, wird jetzt eine neue Art
der Substanz erdacht. Die Fragmente des Philolaos lassen in ihrer
prägnanten Form die Einheit dieser beiden Momente klar heraus-
treten. Alles Erkennbare, alles was ein Gegenstand des Wissens
werden soll, muss an der Zahl und ihrer Wesenheit teilhaben:
„denn ohne sie lässt sich nichts. begreifen und verstehen.“
‘Fragm. 4)%. „Denn die Natur der Zahl ist kenntnisspendend,
(ührend und lehrend für jeglichen in jeglichem Dinge, das ihm
zweifelhaft oder unbekannt ist. Denn nichts von den Dingen
wäre irgendwem klar, weder in ihrem Verhältnisse zu sich, noch
zu andern, wenn die Zahl nicht wäre und ihr Wesen. So aber
macht sie alle Dinge, indem sie sie innerhalb der Seele mit der
Sinneswahrnehmung in Einklang setzt, erkennbar und einander
entsprechend nach der Natur des Gnomons, indem sie ihnen
Körperlichkeit verleiht und die Verhältnisse der Dinge, der be-
grenzenden wie der unbegrenzten, jegliches für sich sondert und