Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Methode der Geometrie. 
441 
dadurch nicht berührt: „l’ordre de la g&ometrie est A la verite in- 
ferieur (a Vordre absolument accompli) en ce quwil est moins 
convaincant, mais non pas en ce qu'il est moins certain“. 
Gleichviel daher, welche Kritik wir vom Standpunkt des abso- 
\uten Wissens an der Geometrie üben: ihr Eigenwert und ihre 
innere Selbstsicherheit wird hiervon nicht erschüttert. Die Wissen- 
schaft kann im Vertrauen auf ihre ursprünglichen hypothe- 
tischen Setzungen fortschreiten und sich ausbilden, sie kann ihr 
Gebiet sichern und abgrenzen, ohne von einer fremden Instanz 
einen Einspruch fürchten zu müssen. Die Mathematik bleibt — 
wie immer das Urteil lautet, das ein „unendlicher Verstand“ 
über sie fällen mag — das Maass und die Erfüllung unseres In- 
tellekts: „ce qui passe la geometrie nous surpasse“, Sie allein ist 
das Objekt, an dem unsere Logik sich üben und das Vorbild, 
nach dem sie ihre Regeln bemessen kann. Es ist eine leere Selbst- 
täuschung, wenn man meint, diese Rangordnung umkehren zu 
können; wenn man die geometrischen Beweise, statt in ihnen die 
feststehende, sichere Orientierung zu sehen, als Spezialfälle ab- 
strakter logischer Vorschriften zu begreifen sucht. Dass daher 
die ersten Grundbegriffe, wie Raum, Zeit und Bewegung, keines 
weiteren diskursiven Beweises fähig sind, dies wird hier, zu Be- 
ginn von Pascals Methodenlehre, noch keineswegs als ein innerer 
Mangel empfunden. Das „natürliche Licht“ gibt uns eine tiefere 
Gewähr ihrer Wahrheit und Beständigkeit, als jede abstrakte 
Ableitung es zu tun vermöchte.‘) Das Vertrauen zu der Grund- 
natur unseres Verstandes ist hier noch nirgend erschüttert: sobald 
es uns gelingt, sie rein zu erhalten und sie von allen Vorurteilen 
der Sinne und der Phantasie zu scheiden, so besitzen wir in ihr 
die unverrückbare und allgemeingültige Regel. Wir dürfen auf 
eine Erklärung der Bewegung, wie etwa die Aristotelische Defi- 
nition, sie sei die „Verwirklichung des Möglichen“, verzichten: 
sind wir doch gewiss, dass Jeder von uns mit voller Sicherheit 
und Eindeutigkeit den gleichen begrifflichen Inhalt mit dem 
Wort „Bewegung“ verbindet. Ganz ebenso hatte — wiederum mit 
Berufung auf das gleiche Aristotelische Beispiel — Descartes ge- 
sprochen. Gegen Herbert von Cherburys Schrift „De veritate“, 
in der eine Begriffserklärung der „Wahrheit“ gesucht wird, hatte 
er ausgeführt, dass jedes solche Bemühen müssig sei: „Wahrheit“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.