Die Kritik des Verstandes.
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Ausdehnung und Bewegung von Farbe und Ton zu unterscheiden,
wie wir — entgegen dem unmittelbaren Sinnenzeugnis — diese
„sekundären“ Eigenschaften von dem Objekt der Wahrnehmung
‚oslösen und sie in das empfindende Organ verlegen, so gilt
2s auch, in dem reinen mathematischen Gegenstande den Anteil
les „Aeusseren“ und des „Inneren“ zu scheiden und diejenigen
Momente, die ihren Ursprung allein in unserem Intellekt haben,
herauszulösen. Was wir das „Sein“ der Dinge zu nennen pflegen,
das ist, mehr noch als von den spezifischen Empfindungen unserer
Sinne, von den Urteilen und Kategorien unseres Denkens ab-
hängig. . Neben die Analyse der Wahrnehmung hat somit die
Kritik des Verstandes zu treten. Es ist der Grundmangel der
Aristotelischen Philosophie, dass sie beide Aufgaben versäumt:
dass sie, wie sie in ihrer Physik die Objekte nach den Unter-
schieden der subjektiven Empfindung, nach den Gegensätzen des
Warmen und Kalten, des Schweren und Leichten ordnet und be-
trachtet, so auch in ihrer Metaphysik die Gesichtspunkte und
Prinzipien des Intellekts — wie etwa die Unterscheidung von
Gattung und Art, von Teil und Ganzem — unmittelbar als Be-
schaffenheiten der Dinge nimmt. Ein Irrtum, nicht geringer als
der eines Knaben, der den Stab im Wasser für wahrhaft gebrochen
hält, der somit das sinnliche „Phantasma‘“ und das Objekt, den
unmittelbaren Eindruck und den Akt des Urteils unterschiedslos
mit einander vermengt. Nicht nur die Bilder der Sinne, auch
die Arten und Beschaffenheiten des Gedankens übertragen wir
auf die (jegenstände selbst, sodass wir Substanzen und Accidentien,
Subjekt und Prädikat, Relation, Ganzes und Teil nicht als Formen
des Verstandes, sondern als bestehende Dinge ansehen, denen jene
„intellektuellen Vorstellungen“ an und für sich anhaften.?®) Und
wenn wir von dem Irrtum der Sinne, um ihn zu berichtigen,
auf die Regeln des Denkens zurückgehen können, so ist uns hier
dieser Ausweg versagt. Was die Dinge an und für sich und los-
gelöst von allen Operationen des Verstandes sein mögen, entzieht
sich für immer unserer Einsicht; das einzige Mittel, das uns
bleibt, ist die Bedingtheit, die wir niemals von uns abzustreifen
vermögen, als solche zu begreifen und anzuerkennen. Wir können
dem Mangel nicht anders abzuhelfen suchen, als indem wir’ ihn
4urechschauen und uns zum Bewusstsein bringen: die Gesetze des