Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung. 
heit zu versichern. Wenn hier — soweit über diese Zusammen- 
hänge nach Uebersetzungen und Berichten ein Urteil sich fällen 
lässt — auf der einen Seite eine auffallende Uebereinstimmung in 
dem metaphysischen Inhalt einzelner Lehren hervortritt, so 
scheiden sie sich alsbald durch die gedankliche Tendenz, der sie 
ihren Ursprung verdanken. So gehört gleich das nächste grosse 
Grundmotiv der griechischen Spekulation: der Gedanke vom „Fluss 
der Dinge“, zu denjenigen typischen und allgemeinen Zügen des 
metaphysischen Weltbildes, die sich in getrennten und selbstän- 
digen Entwicklungen gleichmässig wiederzufinden pflegen. Er wird 
fast zur selben Zeit, wie von Heraklit, in der Buddhistischen 
Lehre erfasst und sogleich in aller dialektischen Schärfe und Fein- 
heit bis in seine letzten Folgerungen weitergeführt. Der Gedanke 
der Substanz wird auch hier, nach dem ganzen Umfang seiner 
Bedeutung und Leistung, logisch entwurzelt: wo die Anschauung 
von bleibenden „Dingen“ spricht, da sieht der Gedanke nur einen 
ewig sich erneuernden Prozess, in dem nur die subjektive Will- 
kür feste Halt- und Ruhepunkte zu unterscheiden sucht. Und wie 
im Gebiet der Natur, so versagt die Buddhistische Ansicht — in 
einer Kritik, die an spekulativer Energie noch über Heraklit 
hinausgeht — dem Substanzbegriff auch im Gebiet des Innen- 
lebens jede Anwendung: wie das Objekt, so löst sie nicht minder 
das „Ich“ in eine Folge von Ereignissen und Vorgängen auf, 
die durch keinen sachlichen „Träger“ mit einander verbunden 
sind.) Aber wenn im Buddhismus alle diese Gedanken nur auf das 
eine ethische und religiöse Grundziel der Erlösung gerichtet sind 
und ausserhalb dieser Bestimmung ihren Halt und ihr eigentliches 
Wesen verlieren, so bilden sie bei Heraklit nur das Aussenwerk 
{Ur eine fundamentale logische Konzeption. Auf dem Grunde 
der ästhetischen Gesamtanschauung des rastlosen Werdens liegt 
der Begriff einer universalen Gesetzmässigkeit, die diesen 
Prozess beherrscht und ihn in sich selbst stetig und gleichförmig 
macht. Mitten durch die Bildersprache des Mythos hindurch 
klingt uns dieser neue Gedanke entgegen. „Die Sonne wird ihre 
Maasse nicht überschreiten; — täte sie es, so würden die Erinyen, 
die Hüterinnen des Rechtes, sie ausfindig zu machen wissen.“!!) 
Alle Erkenntnis, alle Arbeit der Forschung ist darauf gerichtet, 
dieses allumfassende Vernunftgesetz, das über allem besondern
	        
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