Die Ideenlehre. — Malebranche.
entwickeln, wir mögen sie zum Ausgangspunkt der Physik und
zum Quell immer neuer Erkenntnisse machen: nirgends werden
wir in ihr einen notwendigen Hinweis auf ein unabhängiges und
losgelöstes Objekt finden, das ihr entspricht.®) Sofern wir an
das Dasein eines solchen Objektes glauben, sofern wir der Idee
ein „Ideatum“ zuordnen, geschieht es jedenfalls nicht auf Grund
logischer Ueberzeugungen und immanenter F orderungen unserer
Erkenntnis: es ist lediglich die — Offenbarung, die diesen Schritt
vertreten und rechtfertigen kann.®) Wenn Malebranche mit
dieser unvermuteten Wendung dem Ergebnis seiner vorangehenden
Analyse die Spitze abbricht, so tritt doch seine Grundansicht
durch den Gegensatz. jetzt nur um so deutlicher zu Tage. Es
kann keine schärfere philosophische Verurteilung des Begriffs
der „absoluten Materie“ geben, als sie in dieser paradoxen theo-'ogischen
Beweisführung enthalten ist. In der Tat war es — wie
man mit Recht bemerkt hat — nicht sowohl die Autorität der Bibel,
als die der Kirche, die Malebranche hier vor dem letzten posi-Hven
Schritt zurückhielt,$) während die inneren und sachlichen
Motive seines Gedankens in der Frage der Existenz der Körperwelt
mit Notwendigkeit zu dem klaren und eindeutigen Ergehnis
Berkeleys hindrängen.
Sind indes die Dinge, und in ihnen der gewohnte feste
Halt und Hort der „Objektivität“ des Wissens beseitigt, so muss
aunmehr ein anderes Problem immer deutlicher und dringender
zu Tage treten. Berkeley hat sich in einem philosophischen
Tagebuch seiner Jünglingsjahre die Frage gestellt: „Was wird aus
den ewigen Wahrheiten?“ — und er hat darauf die kurze und
irockene Antwort erteilt: „Sie verschwinden“. („They vanish‘).
{in der Tat ist dies die Folgerung, auf die der psychologische
(dealismus, von dem auch Malebranche seinen Ausgang nahm,
unaufhaltsam hinzudrängen scheint. Was uns gegeben ist, ist
das bunte und wechselnde Spiel unserer Empfindungen und Vorstellungen.
Wie könnten wir diesem rastlosen Werden an irgend
einem Punkte Halt gebieten, wie könnten wir aus ihm eindeutige
und unabänderliche Bestimmtheiten und Inhalte herausschälen?
Nur der Prozess, nur das immer erneute Denkgeschehen ist
uns bekannt: es muss bereits wie eine falsche Abstraktion scheinen,
in ihm feste Denkgebilde und Begriffe unterscheiden zu wollen.