Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Bayle. 
Begriffe des „natürlichen Menschen“ gefunden. Der Mensch der 
Natur, der noch nicht durch die äusserlichen Bindungen und 
Satzungen, die die fortschreitende Civilisation erschafft, in seinem 
Wesen verfälscht ist, bleibt für ihn der sichere Leitstern, Hier 
wird dieser Skeptiker gläubig; hier leiht er den phantastischen 
Erzählungen über die Verfassung der Naturvölker Amerikas willig 
Gehör: das goldene Zeitalter ist ihm unmittelbar in der Gegenwart 
lebendig geworden. Alles, was die Philosophen jemals von einem 
primitiven Idealzustand ersinnen konnten, reicht nicht heran an 
die reine und schlichte Naivetät, die uns hier die Erfahrung zeigt. 
»„Wilde“ heissen wir jene, wie wir die Früchte wild nennen, die 
die Natur aus sich heraus und ohne fremde Hilfe hervorbrinzt; 
während wir im Grunde das Wort für diejenigen brauchen sollten, 
die wir künstlich verändert und durch Anpassung an unseren 
verdorbenen Geschmack zu Bastarden gemacht haben. Wider 
alle Vernunft wäre es, dass die Kunst den Vorrang vor unserer 
zrossen und mächtigen Mutter Natur gewinnen sollte. Wir haben 
die Schönheit und den Reichtum ihrer Werke so sehr mit unseren 
eigenen Erfindungen überladen, dass wir sie darunter völlig 
erstickt haben: wo immer noch einmal ihre Reinheit hervor- 
leuchtet, da beschämt sie in erstaunlicher Weise unsere eitelen 
und frivolen Bemühungen« (Essais I, 30), Von solcher Rousseau- 
schen Grundstimmung ist Bayle weit entfernt. Er erschliesst 
jas „Wesen“ des Menschen lediglich aus dem Verlauf seiner 
Geschichte: hier aber dient ihm jedes neue Blatt dazu, das 
naive Zutrauen zu der ursprünglichen Güte seiner Natur zu 
widerlegen. „L’homme est mcechant et malheureux; chacun le 
zonnait par ce qui se passe au dedans de Ilui et par le commerce 
qu’il est oblige d’avoir avec son prochain . . (Nous voyons) par- 
:out les monuments du: malheur et de la mechancete de l’homme: 
partout des prisons et des höpitaux; partout des gibels et des 
mendiants .... L’histoire n’est a proprement parler. qu'un recueil 
des crimes et des infortunes du genre humain‘. 107) Dieser Pes- 
simismus ist der tiefste Grund der Bayleschen Skepsis. Die 
sittliche Vernunft bleibt ihm ein Danaergeschenk: sie vermag das 
Ziel des Handelns festzustellen und den Weg zu erleuchten, aber 
lie natürliche Kraft, es ins Leben und in die Wirklichkeit zu 
rufen, bleibt ihr versagt. So rein und selbständig ihr inneres.
	        
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