516
Bayle.
Begriffe des „natürlichen Menschen“ gefunden. Der Mensch der
Natur, der noch nicht durch die äusserlichen Bindungen und
Satzungen, die die fortschreitende Civilisation erschafft, in seinem
Wesen verfälscht ist, bleibt für ihn der sichere Leitstern, Hier
wird dieser Skeptiker gläubig; hier leiht er den phantastischen
Erzählungen über die Verfassung der Naturvölker Amerikas willig
Gehör: das goldene Zeitalter ist ihm unmittelbar in der Gegenwart
lebendig geworden. Alles, was die Philosophen jemals von einem
primitiven Idealzustand ersinnen konnten, reicht nicht heran an
die reine und schlichte Naivetät, die uns hier die Erfahrung zeigt.
»„Wilde“ heissen wir jene, wie wir die Früchte wild nennen, die
die Natur aus sich heraus und ohne fremde Hilfe hervorbrinzt;
während wir im Grunde das Wort für diejenigen brauchen sollten,
die wir künstlich verändert und durch Anpassung an unseren
verdorbenen Geschmack zu Bastarden gemacht haben. Wider
alle Vernunft wäre es, dass die Kunst den Vorrang vor unserer
zrossen und mächtigen Mutter Natur gewinnen sollte. Wir haben
die Schönheit und den Reichtum ihrer Werke so sehr mit unseren
eigenen Erfindungen überladen, dass wir sie darunter völlig
erstickt haben: wo immer noch einmal ihre Reinheit hervor-
leuchtet, da beschämt sie in erstaunlicher Weise unsere eitelen
und frivolen Bemühungen« (Essais I, 30), Von solcher Rousseau-
schen Grundstimmung ist Bayle weit entfernt. Er erschliesst
jas „Wesen“ des Menschen lediglich aus dem Verlauf seiner
Geschichte: hier aber dient ihm jedes neue Blatt dazu, das
naive Zutrauen zu der ursprünglichen Güte seiner Natur zu
widerlegen. „L’homme est mcechant et malheureux; chacun le
zonnait par ce qui se passe au dedans de Ilui et par le commerce
qu’il est oblige d’avoir avec son prochain . . (Nous voyons) par-
:out les monuments du: malheur et de la mechancete de l’homme:
partout des prisons et des höpitaux; partout des gibels et des
mendiants .... L’histoire n’est a proprement parler. qu'un recueil
des crimes et des infortunes du genre humain‘. 107) Dieser Pes-
simismus ist der tiefste Grund der Bayleschen Skepsis. Die
sittliche Vernunft bleibt ihm ein Danaergeschenk: sie vermag das
Ziel des Handelns festzustellen und den Weg zu erleuchten, aber
lie natürliche Kraft, es ins Leben und in die Wirklichkeit zu
rufen, bleibt ihr versagt. So rein und selbständig ihr inneres.