Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Begriff der „Form“ und die Aristotelische Erkenntnislehre. 4

moderner Vorkämpfer der Aristotelisch-scholastischen Erkenntnislehre
 diesen Prozess — als ein Daseinselement des Dinges,
welches Element aber zugleich der Seele konform ist, wird der
Gegenstand in die Seele eingesetzt.“”") Wenn aber derselbe
Autor in dieser Lehre die Vollendung und Krönung der „idealistischen
 Grundanschauung“ findet, so beweist er damit aufs
schlagendste, wie sehr der mittelalterlichen, wie der heutigen
Scholastik jedes Verständnis der ursprünglichen Platonischen
Bedeutung der Idee abgeht. Denn gegen keine Annahme hat Platon
 so entschieden und so rückhaltlos sich gewandt, wie gegen
den Glauben, dass man dem Bewusstsein ein Wissen, das nicht
in ihm wäre, einsetzen könne: „wie wenn sich blinden Augen
das Vermögen des Sehens .von aussen einfügen liesse.‘“*)
Auf die mannigfachen, verwickelten Wege, in denen die Aristotelische
 Auffassung der Erkenntnis sich fort- und umbildete,
auf die Schwierigkeiten, die in ihr allmählich immer deutlicher
heraustreten, soll hier vorerst nicht eingegangen werden. Diese
Selbstauflösung der Aristotelischen Logik gehört bereits der Geschichte
 des modernen Denkens an und wird uns, ebenso wie
die Peripatetische Psychologie und Erfahrungstheorie, in der Darstellung
 ihres Verlaufs immer von neuem beschäftigen müssen.
Bevor wir indes an die Anfänge der neueren Zeit herangehen,
müssen wir uns noch in allgemeinsten Umrissen die Wandlungen
 vergegenwärtigen, die das Aristotelische Gedankensystem
in seiner Rezeption durch das Mittelalter erfahren hat. Denn so
bedingungslos sich die Scholastik auch der Autorität des „Philosophen“
 unterwirft: es lässt sich nicht übersehen, dass sie seine
Lehre, indem sie nur bemüht scheint, sie zu begreifen und auszulegen,
 unvermerkt auf ihren eigenen Boden hinüberzieht und
unter einen neuen Gesichtspunkt rückt: Die psychologische Theorie
des Erkennens zwar hat sich inhaltlich wenig geändert. Die gesamte
 scholastische Wahrnehmungstheorie zielt darauf ab, durch
den Doppelbegriff der Species, der ebensowohl den formalen
Sachgehalt des Dinges, wie das Vorstellungsbild im Subjekt besagt,
 den Uebergang und die Verwandlung des „Aeusseren“ in das
„Innere“ verständlich zu machen; — ein Ziel, das sie durch Einschiebung
 immer neuer Mittelglieder und Zwischenstufen, zwischen
dem Reiz und der Empfindung einerseits und der „sinnlichen“
            
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