Verstand und Sinnlichkeit,
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kommenen und vollständig wirksamen Intellekt; da er aber auf
keine andere Weise zu dieser Selbstverwirklichung zu gelangen
vermag, so wird er zum Sinn, um durch dieses Medium hindurch
aus der leeren Möglichkeit zum Akt und zur Energie zu gelangen.
So kehrt der Geist, nachdem sein Kreislauf vollendet, in sich sel-
ber zurück; sein Herabsteigen. zu den sinnlichen Bildern bedeutet
in Wahrheit ein Hinaufheben des Mannigfaltigen selbst zur Ein-
heit und Einfachheit des Gedankens“.1®) In diesem tiefen Worte
hat Cusanus eine Forderung vorweggenommen, die erst in der
modernen Wissenschaft und ihrem Erkenntnisideal zur Ausbil-
dung und Erfüllung gelangt: ist. Nur in der Hingebung an den
Stoff der Wahrnehmung kann wahres Wissen erreicht und ge-
gründet werden; aber je tiefer wir uns in diese Aufgabe versen-
ken, um so deutlicher hebt sich uns auf dem Hintergrunde der
Erfahrung das Bild des eigenen Geistes und seiner gedanklichen
Schöpfungen heraus. Cusanus bezeichnet hier die geschicht-
liche Wendung des Platonismus, die zu Kepler und Ga-
lilei hinüberführt. Es wäre irrig, die philosophische Renaissance
des Quattrocento schlechthin als eine Entdeckung der Platoni-
schen Philosophie zu bezeichnen: war doch die Beziehung zu
dieser auch im christlichen Mittelalter nirgends abgebrochen. Be-
zeichnend ist vielmehr der veränderte Gesichtspunkt, unter
dem die Ideenlehre jetzt erscheint. Sofern die Ideen als absolutes
Sein jenseit der Erscheinungswelt gedacht und gedeutet werden;
werden sie von Cusanus ausdrücklich zurückgewiesen; hier tritt
er der Aristotelischen Kritik in ihrem ganzen Umfang und in
allen ihren Folgerungen bei. Und nicht minder bestreitet er den
falschen Apriorismus der „angeborenen Bezriffe‘“: nicht einzelne
Erkenntnisinhalte, sondern nur die Kraft, sie zu erwerben, ist
der Seele eingeboren.®) So knüpft er nicht an die metaphysische
Weiterbildung der „Idee“ an — den Neuplatonismus hat er wie-
derholt und energisch bestritten —, sondern geht unmittelbar auf
die tiefen methodischen Erörterungen der „Republik“ über das
Verhältnis. von Sinnlichkeit und Denken zurück. Die Wahrneh-
mung ist nicht der unbedingte Widerstreit, sondern sie ist der
Wecker und „Paraklet“- des reinen Begriffs, den sie herbeirult,
um die in ihr liegende Unbestimmtheit zu überwinden und zu
schlichten.?) Denn dem Sinn als solchen wohnt keine Kraft der