Das Musterbild der Mathematik,
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fremden, von aussen gegebenen Materie beschränkt und verdun-
kelt die Selbstsicherheit des geistigen Schauens und Erfassens.2?)
Eine andereRichtlinieund ein neuerOrientierungspunkt muss
daher gefunden werden, wenn das Wissen über den Bereich der
„Mutmassung“ erhoben werden soll. Der Geist darf sein Ziel nicht
mehr jenseits seiner eigenen Grenzen suchen, sondern er muss in
sich selbst den Mittelpunkt der Gewissheit finden. Die echten
Vernunftbegriffe dürfen nicht das Produkt und das Ende des Er-
kenntnisprozesses, sondern sie müssen seinen Anfang und seine
Voraussetzung bilden. Es ist die entscheidende logische Bedeutung
der Mathematik, dass in ihr diese Umkehr vollzogen und be-
glaubigt ist. Wenn der Geist den Begriff des Zirkels entwirft, wenn
er eine Linie erdenkt, deren Punkte von einem gemeinsamen Mit-
telpunkte aus gleich weite Entfernungen haben, so hat die Ge-
stalt, die damit entsteht, nirgends ein gesondertes, stoffliches Sein
ausserhalb des Denkens. Denn in der Materie ist eine exakte
Gleichheit zwischen zwei Strecken, geschweige zwischen einer
unendlichen Mannigfaltigkeit von Linien, unauffindbar und un-
möglich. Der „Zirkel im Geiste“ ist das alleinige Musterbild und
Maass des Zirkels, den wir im Sande hinzeichnen. Analog können
wir bei jedem Inhalt, der uns entgegentritt, eine d oppelte Weise
des Seins unterscheiden: sofern wir ihn das eine Mal in aller
Zufälligkeit seines konkreten Daseins, das andere Mal in der Rein-
heit und Notwendigkeit seines exakten Begriffs betrachten.®) Die
Wahrheit der Dinge ergibt sich erst in dieser zweiten Art der
Auffassung. Auch auf sie wendet Cusanus den Gesichtspunkt1
der Assimilation an: ‘aber jetzt handelt es sich nicht mehr
darum, dass der Geist sich den sinnlichen Einzeldingen, sondern
dass er sich ihrer reinen mathematischen Definition, die all
ihren wissenschaftlichen Gehalt darstellt, zuwendet und anpasst.
Indem das Denken sich den „abstrakten Formen“, die es in sich
selber findet, fortschreitend verähnlicht, entwickelt und erschaffi
es damit die sicheren mathematischen Wissenschaften. Und
während zuvor nur ein beschränktes, jederzeit aufhebbares Wissen
zu Stande kam, wird auf diesem zweiten Wege absolute Gewisshei{
erreicht. Das Denken, das mit den Gegenständen beginnt, um sie,
sei es in sinnlichen Eindrücken, sei es in allgemeinen, von ihnen
abstrahierten Gattungsbegriffen abzubilden. erreicht nirgends das