Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Nikolaus Cusanus. 
wahre Sein: notwendige Erkenntnis entsteht nur dort, wo der Geist 
von seiner eigenen Einheit und „Einfachheit“ ausgeht, um sie zu 
einer Mannigfaltigkeit von Definitionen und Grundsätzen auszu- 
bilden.) 
Die Ansicht, dass alle unsere Erkenntnis sich in einen In- 
begriff und eine Ordnung von „Zeichen“ auflösen lasse, bildet so- 
mit bei Cusanus nicht einen Widerspruch, sondern eine Bestäti- 
gung der idealistischen Grundlegung. Sein „Nominalismus“ ist 
nicht — wie Falkenberg annimmt®) — ein fremder Bestandteil 
des Systems, sondern wird zu einer wichtigen Bestimmung und Er- 
gänzung des Hauptgedankens. Das unbedingte einfache Sein ist 
uns nicht direkt zugänglich, sondern verbirgt und verhüllt sich 
uns unter den mannigfachen Namen und Symbolen, deren wir 
uns notwendig zu seiner Erfassung bedienen: aber eben diese 
„Namen“ selber sind nicht willkürlich und gesetzlos,-sondern ent- 
stammen dem Grunde und Gesetz unseres eigenen Geistes. Dasselbe 
Medium, das uns von der absoluten Existenz trennt, erschliesst 
uns somit die Erkenntnis des eigenen Wesens. Dieser sachliche 
Zusammenhang erklärt es, dass die Begründer der neueren Philo- 
sophie, denen das Bewusstsein zum zentralen Problem wird, 
sich in dem alten Streit über das Sein der Gattungsbegriffe über- 
all zum „Nominalismus“ bekennen, in dem sie die Kraft des „sub- 
jektiven“ Faktors der Erkenntnis verbürgt und anerkannt sehen. 
Für den positiven Wert, den Cusanus dem Begriffe des Zeichens 
beimisst, ist es besonders charakteristisch, dass er das allgemeine 
Verhältnis zwischen dem Zeichen und dem bezeichneten Inhalt 
durch das Beispiel der Beziehung zwischen Punkt und Linie ver- 
deutlicht. Der Punkt kann als Symbol der Linie betrachtet werden, 
sofern er die Grundlage und die Voraussetzung ist, aus der die 
Linie durch stetige Wiederholung sich aufbaut, — sofern er also 
zugleich ihren ganzen begrifflichen Gehalt in sich fasst und zur 
Darstellung bringt.) 
Damit nähern wir uns einer neuen Bezeichnung und Formel 
für das metaphysische Grundverhältnis des Einen und Vielen. 
Wir sahen, wie zuletzt die Forderung gestellt war, die „Einfach- 
heit“ des denkenden Geistes in die Vielheit der Begriffe und 
Dinge aufgehen zu lassen, nicht um sie in sie zu zerteilen und 
aufzulösen, sondern vielmehr, um sie anf eine höhere Stufe der
	        
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