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Nikolaus Cusantuts.
Und wie der Augenblick die „Substanz“ der Zeit, so ist die Ruhe
die Substanz der Bewegung. Die räumliche Ortsveränderung
eines Punktes ist nichts Anderes, als die gesetzliche Folge und
Ordnung seiner unendlich mannigfaltigen Ruhelagen: motus est
ordinata quies seu quietes seriatim ordinatae.“) In diesen
Sätzen hat Cusanus nicht nur den Gedanken, sondern selbst die
Sprache der neuen Mathematik, wie sie sich künftig bei Des-
cartes und Leibniz entfaltet, vorweggenommen. Die Bezeichnung
der Coordinaten, der lineae ordinatim applicatae, bereitet sich vor,
während andererseits bereits die allgemeine Auffassung herrschend
ist, die zur Grundlegung der Integralrechnung hinführt. —
Und in dem neuen Begriff der Grösse, der jetzt entsteht,
spricht sich zugleich eine veränderte Ansicht und eine neue logi-
sche Definition des Seins aus. Jetzt wird es deutlich, dass die
Wahrnehmung, die im Bereiche des Ausgedehnten und Zusam-
mengesetzten verharrt, das Sein nicht zu umspannen und auszu-
messen vermag. Die wahre Realität jedes Inhalts erschliesst sich
erst dem Auge des Intellekts, indem er das sinnlich ausgebreitete
Dasein auf eine unteilbare Einheit zurückführt. Wir können das
„Wesen“ eines jeglichen Seins ohne extensive Grösse, die „quid-
ditas“ ohne „quantitas‘“, nicht aber umgekehrt diese ohne jene den-
ken.) Wie die Kraft des Karfunkelsteins, vermöge deren er das
Licht zurückstrahlt, in dem kleinen Stein ebenso wie in dem grossen
enthalten ist, wie sie sich somit von der Ausdehnung unabhängig
erweist, so geht allgemein die Substanz des Körpers nicht in seiner
„Masse‘ unter. Sie wurzelt allein in der bestimmten eigentüm-
lichen Wirksamkeit des Körpers, die sich bald unter dieser, bald
unter jener Gestalt und Form darstellt, sich mit diesem oder jenem
„Accidens‘““ bekleidet, um der sinnlichen Anschauung sichtbar zu
werden. Wenn die Wahrnehmung die Dinge in ihrer fertigen
räumlichen Ausbreitung betrachtet, so ergreift der Intellekt das
Prinzip und den Urgrund ihrer Tätigkeit.4?) Der Grund zur Leib-
nizischen Kritik des Substanzbegriffs ist hier gelegt. Es muss
freilich zunächst auffallend erscheinen, dass das gesamte Gebiet
der „Ausdehnung“ schlechthin der „Imagination“ zugewiesen
wird: denn unterliegt damit nicht die gesamte bisherige Mathe-
matik der endlichen Grössen demselben logischen Wert-
urteil? ‘ Indes auch diese Wendung lässt sich verstehen: die