Nikolaus Cusanus
sammenhang mit dem Mittelalter; insbesondere mit Anselm und
Scotus Erigena.®) Aber je tiefer er sich in das Dogma der Dreieinigkeit
versenkt, umsomehr sieht er sich, zu seinem Verständnis
und seiner Deutung, auf das Verhältnis hingewiesen, das in
unserem Bewusstsein zwischen dem Intellekt, dem intellisiblen
Gegenstand und ihrer Einheit im Akte der Erkenntnis besteht;
— um so energischer wendet sich die Betrachtung der
eigentümlichen und ewigen Beschaffenheit des „Logos in uns
selbst‘ zu.
Wieder zeigt sich uns die merkwürdige geistige Doppelrichtung,
die für Cusanus und seine geschichtliche Stellung entscheidend
ist. Sein „Rationalismus“ besteht nicht darin, die Glaubenslehre
zu nivellieren oder umzudeuten; er geht im Gegenteil darauf
aus, ihre Transscendenz zu behaupten und zu steigern.
Das Wagnis, das hierin liegt, darf unternommen werden: sind
wir doch sicher, dass auch die letzten und entlegensten Folgerungen
der Gotteslehre, sofern sie Wahrheit besitzen, in Einklang
mit der Erkenntnis und ihrem Gesetze stehen müssen.
Die Lehre von einer doppelten Wahrheit ist endgiltig überwunden:
die Analyse des Dogmas selbst entdeckt auf seinem Grunde
ebendieselben Bestimmungen wieder, die uns in der Natur unseres
Intellekts unmittelbar bekannt und gegeben sind. So darf
der Inhalt der Religion den gewöhnlichen Mitteln des abstrakten
„Begreifens“ entrückt werden, weil die Erkenntnis, als systematische
Gesamtheit betrachtet, die Kraft in sich fühlt, ihn dennoch
wieder in ihren Bann zu ziehen. Denn überall, auf welchem
Gebiete es sei, vermögen wir nur das zu denken und nur das in
Frage zu ziehen, was von gleicher Natur und gleicher Substanz
mit unserem Verstande ist. So wird der logische Gehalt, der
von der griechischen Spekulation her in die Glaubenslehre eingegangen
war, wieder selbständig und flüssig gemacht. Aus der
Begrenzung durch die theologischen Fragen ringt sich Cusanus
wiederum zu dem allgemein giltigen Problem des Logos hindurch.
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In der Schrift „de visione Dei“, in der Cusanus die Grundanschauung
seiner „mystischen Theologie“ entwickelt, wird wiederum
das göttliche: Sein als der absolute Akt des Sehens
bestimmt und beschrieben. Die Art aber, in der diese unbedingte