J. Das Problem der Rechtsphilosophie.
Dazu kommt noch das Weitere, daß, selbst wenn man nicht
so weit in das Wesen der Sache dringt, man doch erkennen
muß, daß all unsere Wissenschaft niemals bei den sinn—
lichen Wahrnehmungen stehen bleibt, sondern die Wahr—
nehmungen verbindet und daraus Gesetze abzuleiten sucht, sei es
nun auf dem Wege des auflösenden Schlusses oder auf dem
Wege der Zusammenfassung; und wenn man insbesondere
kraft der Beobachtung (Induktion) schließen will, so muß
dem Induktionsschluß eine Beziehung des Geistes zur Welt des
Geschehens zugrunde liegen: denn wir müssen doch eine Grund⸗
lage dafür haben, daß unsere Schlußfolgerungen keine
müßigen Hirngespinste sind, sondern uns auf Ergebnisse
bringen, die mit der Welt außer uns übereinstimmen. Wer sich
keine Brücken baut zwischen unserem Denken und der Außenwelt,
der arbeitet zum Voraus schon ohne Halt und ohne jeden Stand⸗—
punkt. Wem Begriffe und Denken nichts sind, der kann auch
nicht über die erste Beobachtung hinaus! Wer irgend etwas
Wissenschaftliches leisten will, muß sich klar werden, was das
menschliche Denken bedeutet und in welchem Verhältnis
es zur Welt der Erscheinungen steht. Das ist aber nur
möglich durch die Philosophie.
Die ganze Anschauung also, welche die Philosophie aus
der Wissenschaft entfernen und die Wissenschaft einfach auf den
sinnlichen Daten aufbauen will, ist unhaltbar; nicht nur ist
die Philosophie eine Wissenschaft, sondern ohne Philosophie
keine Wissenschaft.
Wenn wir nun aber doch in der Wissenschaft Gesetze auf—
stellen, die niemand sieht und hört, wenn wir einen Raum—
begriff annehmen, den niemand mit den Sinnen wahr—
genommen hat, wenn wir aus der Vielheit der ähnlichen Ein—
drücke Induktionsfolgerungen ziehen, so ist es nur ein
weiterer Schritt, daß wir auch in das Gebiet der Metaphysik
steigen. Wir schließen aus dem Sein und Werden, daß dem
Ganzen eine mit unbewußtem Zweckbestreben ausge—
stattete Gesamtkraft zu grunde liegt, und wie wir die
Organe des Einzelwesens zu einem Gesamtorganismus darstellen,
so kommen wir zur Überzeugung, daß auch der Geschichte eine
organische Entwicklung zu grunde liegt; und wenn wir die zeit⸗
liche Entfaltung der Dinge betrachten, so nehmen wir das merk⸗—
würdige Schauspiel wahr, daß wir in der späteren Entwicklung