Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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Jahre seiner Jugend verlebt. Aber sein deutsches Gemüt fand in dem 
Lande und in den Menschen desselben, den echtesten Enkeln des ge⸗ 
waltigen Sachsenstammes, so vieles übrig, was in den meisten Landen 
des Vaterlandes ausgelöscht oder verlebi war, so vieles von echtesten, 
ältesten, deutschen Sitten und Gebräuchen und Rechten in der Gemeinde 
wie im Hauswesen, in der Tagelöhnerhütte wie in den Schlössern und 
Palästen der Reichen und Adligen, was ihn anheimelte. Er war mit 
diesem Lande der roten Erde in innigster Liebe verwachsen; vor allem 
lobte er das westfälische Bauerwesen mit den festgeschlossenen Höfen, eine 
Art eigentümlichen Majorats, wodurch des aͤlteften Urgroßvaters Hof 
immer sicher auf einen seiner Ururenkel hinabkam. 
Dieser Ritter war kein Junker, der nur um sich greifen und auf 
Kosten der Bauern und Kleinen das Gebiet seiner Schlösser und Forsten 
fein und schön schließen und abründen wollte — Nein! Das war sein Sinn 
und seine Liebe des festen Landbauers, das war sein Wunsch, daß die Familien 
der kleinen und großen Bauern ebenso im Besitz der Häuser und Felder 
ihrer Väter geschützt und befestigt würden, als die Söhne und Enkel der 
Grafen und Freiherren. Weil solches in den Gesetzen und Gebräuchen 
Westfalens noch bestanden hatte, deswegen hatte er dieses Land ver 
roten Erde so lieb und fühlte sich auf diesem Boden wie auf einem 
recht heimischen, altdeutschen Boden besonders glücklich. Er war hier 
wirklich der treue, freundliche Freund und Nachbar der freien Bauern, 
die zum Teil nur eine Viertelstunde von seinem Schlosse wohnten, und 
zwar für seine Wirtschaft gar nicht bequem, mitten in oder an seinen 
Wäldern und Feldern. 
Ich bin ein lebendiger Zeuge, wie traulich und freundlich dieser 
allerdings große Baron mit seinen Bauernachbarn gelebt und verkehrt 
hat. Wie oft bin ich mit ihm auf unsern Spaziergängen in die Häuser 
dieser guten Bauern gegangen, wo wir uns nach Landessitte haben be— 
wirten lassen. Dies geschah öfters beim Schulzen Wechmar nicht weit 
von Kappenberg. Da hatte er mir, als wir das erstemal hingingen, 
denn gesagt: „Da werden Sie wohl dem guten Nachbar zu Ehren einen 
oder zwei Schnaps trinken müssen.“ 
„O, das werd' ich schon vollbringen,“ hab ich ihm geantwortet, 
„ich habe noch einige schwedische Übung in meiner Kehle, aber wie E. E. 
es gut machen werden, soll mich wundern.“ Und wir find herein— 
getreten, Schulze Wechmar hat Butter, Brot, Kase und Schinken auf—⸗ 
tragen lassen, jedem von uns ein Glas Branntwein eingeschenkt und uns 
das Willkommen zugetrunken — und der Minister, der sonst den Branntwein 
verabscheute, hat doch sein Glas halb geleert, ich meines ganz. — So war 
er, war und fühlte sich glücklich, solche freie, reiche Bauern um sich zu haben, 
wie er denn von Natur und aus Christengefühl der Freund und Beschützer 
aller Kleineren und der stille, verschwiegene Wohltäter der Armen waär.
	        
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