Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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Es war eine wahre Lust zu sehen und zu hören, wie der alte 
Ritter Jünglinge in seine edlen, freien Grundfaätze einzuweihen suchte, 
immer von dem Satz als von dem Hauptsatz ausgehend, daß der Schloß⸗ 
herr nichts Besseres sein solle als der erste, freie, germanische Bauer, der 
an altem ritterlichen Rechte sesthalten, der Verteidiger, Führer und Be— 
schützer der Geringeren sein und durch Barmherzigkeit und Treue allen 
und besonders den Armen sich immer bereit und hilfreich zeigen müsse. 
Der Schlußvers der Lehre war immer: Ein Edelmann sei nicht geboren, 
auf seinen Schlössern und Gütern bloß wie ein blanker Herr mit den 
Rittersporen zu prunken und zu prassen und mit Jagern und Stall—⸗ 
knechten sein Leben abzuspielen, sondern sein Beruf —D0 
Sorge für alles Volk, im Kriege und im Frieden, in Rat und in Tat 
der Vorderste zu sein. Das war er gewesen. 
Wie war denn Stein der große Landedelmann, der Schloßherr, der 
erste, freieste Bauer, wie er ihn meinte? Seine Güter im großen und 
kleinen waren meistens verpachtet, den eigentlichen Ackerbau, obgleich er 
die edle, hohe Kunst sehr lobte, hatte er in der Jugend und in den 
Tagen seiner vollen Manneskraft nicht Zeit gehabt weder zu lernen noch 
zu üben, aber den Baum, den Wald — den liebte, den pflegte er und 
beschaute ihn wenigstens tagtäglich mit liebenden Augen und besprach 
seinen Bau und seine Verpflegung und Verschönerung mit seinen Jägern 
und Förstern; die Bäume, hohe, stattliche Baͤume, auch die jugendlichen, 
erst vor zehn oder zwanzig Jahren gepflanzten — die umhalste, herzte 
und streichelte er wie seine Lieblinge und bewahrheitete in der eignen 
Person gleichsam die von ihm angespielte Fabelsage, daß die ersten 
Menschen auf und aus den Baͤumen gewachsen seien. Wie oft 
sind wir an einem Apfelbaum, an einer Lärche oder Tanne unter solchen 
Zärtlichkeitsanwandlungen seßhaft geworden! wobei er denn zu erzählen 
pflegte, wie er als ein kleiner Knabe dabei gewesen, als die selige Mutter 
und Schwester Marianne sie haben pflanzen lassen. 
Unsere Abendspaziergänge gingen meistens in den von dem Abend— 
rot beleuchteten Wald oder unter schattigen Bäumen auf Feldern und 
Wiesen hin, wo er seine einzelnen Lieblingsruheposten hatte. 
Von dem Landwirt und Gutsherrn und Waldströmer komme ich 
auf den deutschen Schloßherrn und Landherrn oder vielmehr auf den 
guten, freundlichen Landedelmann. 
Steins Haus war ein gastliches für die Nachbarn, für die Freunde, 
für die Männer in Geschäften, die mit ihm irgend zu tun hatten. So 
lebte er nicht bloß mit den unterhabenden Pfarrern seines Patronats, 
deren er vier, fünf hatte, mit seinen Rentmeistern, Förstern usw. und den 
Beamten, Bürgermeistern und Schöffen von Nassau und andern um— 
liegenden Städtchen, sondern mit Brückenbauern, Schlossern, Zimmer— 
leuten, die in ihrem Handwerk vorzüglich waren; sie saßen gelegentlich 
Petersilie, Preußische Städteordnung. 7
	        
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