Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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mit Exzellenzen und Grafen an demselben Tisch. Das war auch echt 
altdeutsch. 
Am meisten hatte er nun freilich seine Freude, wenn tüchtige Kriegs— 
männer, die in unsern Schlachten tapfer gefochten hatten, wenn Borstel, 
Thielmann, Pfuel aus Koblenz ihn besuchten, oder wenn sein treuer, 
politischer Freund und Mitstreiter und Gegenstreiter, wie er ihn im Scherz 
wohl nannte, wenn Hans von Gagern auf einige Wochen bei ihm vorfuhr. 
Das war eine Freude und Erlustigung und für unsereinen auch ein sehr 
unterhaltendes und belehrendes Leben. Gagern war der Vielbelesene und 
Wissende, Stein aber hatte das Seinige immer fest und klar auf dem Nagel 
und seine wohl geschliffene Klinge immer sogleich zum Einhieb bereit. 
Dieser deutsche Ritter hielt einen recht anständigen, ritterlichen Tisch, 
man möchte fast sagen, einen echt deutschen, ritterlichen Tisch; denn fast 
immer war des Wildbrets und Geflügels die Fülle da. Seine weiten 
Forsten und Wiesen und Felder gaben ihm der Rehe, Hasen, Schnepfen, 
Rebhühner genug; in Kappenberg hatte er sich auch einen Fasanengarten 
angelegt. Edelster Wein stand immer reichlich auf dem Tische, und 
zwar vom Gewächs guter Jahre aus eignem Weinberge. Unser Frei— 
herr war ein ziemlich rüstiger und lustiger Esser; er nahm auch nur 
einmal des Tages (um 3 oder 4 Uhr) eine volle Mahlzeit ein. Von 
seinem Wein trank er gewöhnlich nur drei bis vier Gläser, munterte 
aber seine Gäste immer auf, ihm im wenigen Trinken nicht nachzuahmen. 
Der Nachmittag, aber vorzüglich der Abend war für die Steinschen 
Gäste die glücklichste Zeit. Da offenbarte er die alte deutsche Natur, die 
gegen den Abend und um die Nacht meistens ihr bestes, vollstes Leben 
hat und zeigt. Freilich war niemand der deutschen Schwelgerei fremder 
als unser Freiherr. Er zündete sein Licht und Leben nicht an über— 
flüssig geleerten Pokalen an, um gegen die Nacht ihre Funken aus— 
zusprühen, aber sein geistiges VLeben war vorzüglich ein abendliches. 
Das mag wohl auch altdeutsch sein. Nach dem Mittagessen in seiner 
Bibliothek und auf Spaziergängen im Abendschimmer durch Wald und 
Feld und Wiesen, dann an dem froͤhlichen, lebendigen Teetisch mit seinen 
Kindern und Gästen, da blühte, leuchtete und blitzte er in seinen ge— 
sunden Tagen, da war selbst seine ernste Stille, wenn er nur so heiter 
und fromm unter uns saß, mit einer wundersamen Klarheit und Heiter— 
keit übergossen: seine freundlich blitzenden Augen, seine breite, hoch 
zurückgewölbte, leuchtende Stirn, worauf Macht und Geist gelagert 
waren. Noch heute steht dies Bild des hohen Greises hell vor mir. 
Aus dieser Stirn, sprach nichts als Macht, Mut und Verstand, nebst 
Redlichkeit, Wahrheit und Treue; dies sprach sich so gewaltig aus, 
daß man sich vor solchem hohen Geist in Ehrfurcht verneigen mußte. 
Hier leuchtete wirklich eine olympische Größe, von welcher unwillkürlich 
und unbefohlen der Befehl ausging.
	        
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