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bei sich hatte, ihm die Gabe aus der Tasche und gab sie still hin. Nie
sprach er dabei ein Wort, sondern verlor vielmehr das Wort, wenn der
Unglückliche nicht eben ein Bekannter war; es zog dann meistens eine
sehr ernste Wolke über sein Gesicht, und er stand wohl mehrere Minuten
still: es war, als sei das Menschengeschick an uns vorübergegangen, der
alte Spruch res sacra misor.
Wir nahen hier dem Schlusse und dem Grabe. Das Jahr 1830
war gekommen mit neuen Aufruhren und Umwälzungen, welche Stein
wohl beunruhigten, aber nicht erschuͤtterten: durch ein einzelnes Schrecken
konnte der starke Mann nicht sterben. Aber der starke Mann war alt
geworden, hatte sein Siebenzigstes schon um einige Jahre überschritten;
Bicht und Podagra war ein altes Erbübel von Välern her; außer
diesem fühlte er beim Bergsteigen schon kürzeren Atem, auch Schwindel
hatte sich ein paarmal bis zur Ohnmacht gezeigt, sowie Schwäche seines
Augenlichts. Nicht bloß die Bürde des Alters, deren Druck er oft
schwer fühlte, sondern eine tiefe Wehmut über den Lauf unserer deutschen
Dinge hatten ihn schon seit Jahren oft ausrufen lassen: „Fort! fort von
hier! ich tauge nichts mehr auf Erden.“ Solches Gefühl ergreift auch
wohl im kräftigsten Alter die Kühnsten, wann sie gewahr werden, wie
ihre hohen und großen Gedanken und Entwürfe oft an dem Niedrigsten
und Kleinsten, wie es die Erde bringt, hangen und stecken bleiben
müssen. Dies war gewiß schon in seinen Dreißigen und Vierzigen ein
natürliches Steinsches Gefühl gewesen. Da klang denn aus seinem
Fort! fort von hier! auch der Vers eines alten Liedes, den er her—
zusagen pflegte:
Macht mir ein Bett gar weich und schön,
Denn ich bin müde und will schlafen gehn.
Gegen Ende des Brachmonds 1831 ist er im Schlosse Kappenberg
im vierundsiebzigsten Lebensjahre gestorben, glücklich und selig der nahen
Heimfahrt, indem sein Geist mit völlig klarem, ruhigem Bewußtsein bis
ans Ende zwischen Himmel und Erde schwebte, und mit voller Klarheit
und Wahrheit den Seinigen und allen, die sein Bett umstanden, seinen
Dank, seine Aufträge und Bitten und Ermahnungen zusprach. Be—
sonders rührend ist es gewesen, als er seinem jungen Jäger die Hand
gegeben und im Gefühl der Gefahren des Augenblicks, als wenn wieder
gegen Napoleon der Aufmarsch ausgerufen würde, ihn also ermahnt hat:
„Mein Sohn, du bist bisher nur gegen Rehe und Hasen tapfer gewesen,
bald kann es geschehen, daß dein König dich gegen die Reichsfeinde auf—
ruft; dann wirst du deine Büchse tapfer für dein Vaterland gebrauchen.“
So schwebte der Geist des Tapfern und Treuen mit letzter Sorge und
Gebet noch über seinem Deutschland.
Sein Gedächtnis wird unsterblich leben.