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bestimmt. Herr Reg.⸗-Präs. Wißmann, als Königl. Kommissarius bei diesem Ge—
schäfte, begab sich des Morgens auf das Kneiphöfsche Rathaus, wo der bisherige
Magistrat versammelt war. Er entließ diesen im Namen des Königs seiner bis—
herigen Pflichten, dankte ihm für seine Tätigkeit und Treue und schloß mit den
Worten:
„Was Sie Gutes gewirkt und vorbereitet haben, vergeht mit der neuen
Ordnung nicht, sondern überdauert Geschlechter und ist der Grundstein ihres er—
aeuerten Wirkens.“
Hierauf verfügte sich derselbe nach dem großen akademischen Hörsaal, in die
Versammlung der Stadtverordneten und der neuen Magistratspersonen. Der Zug
zing nun paarweise in die benachbarte Domkirche, die, obgleich die größte unserer
Stadt, die zuströmende Menge der Einwohner nicht fassen konnte. Beim Eintritt des
Zuges in die Kirche wurde der feierliche Gesang: Komm heil'ger Geist, Herr Gott!
angestimmt. Der Königl. Kommissar setzte sich mitten vor den Altar, ihm zur
Rechten der neue Oberbürgermeister und zur Linken der Vorsteher der Stadtverord⸗
neten. An diesen schlossen sich in Reihen um den Altar die Stadtverordneten,
an jenen die Magistratspersonen an. Herr Ober-Konsistorialrat Borowski hielt vom
Altar eine der zwiefachen Feierlichkeit entsprechende Rede und leitete die öffentliche
Vereidigung der neuen Stadtobrigkeit ein. Der Oberbürgermeister empfing hierauf
vom Königl. Kommissar das Formular des Eides, trat vor den Altar und legte
seinen Eidschwur ab. Die übrigen Magistratspersonen schwuren gemeinschaftlich,
indem der Eid ihnen vorgelesen wurde. Eine feierliche Stille war in der großen
Versammlung bei dieser heiligen Handlung. Herr Borowski endigte seine Rede mit
Bebet und Segensspruch. Mit dem Te Deum fing das Glockengeläute auf dem
Dom und auf allen Kirchtürmen der Stadt an. Dies dauerte fort, als die Stadt⸗—
verordneten, die neuen Stadträte und der Königl. Kommissarius mit dem Ober⸗
bürgermeister in einigen 70 Kutschen nach dem Rathause zogen. Nachdem die Stadt⸗
räte durchs Los ihre Plätze erhalten hatten, installierte der Königl. Kommissarius
den neuen Magistrat. „Möchte,“ sagte er unter anderem in seiner Anrede, „dieser
Augenblick in Ihrem Gemüte mit der Wärme empfangen werden, mit welcher unser
erhabener Landesherr, der väterlichste der Könige, das Glück seiner Städte zu gründen
bedachte, indem er ein unselbständiges Untertanenverhältnis zur Regung des freieren
Bürgertums aufrief. Die Beförderung dieses Sinnes zur höchsten Reinheit der
Sitte und Ordnung, und die Ausbildung der Kraft, die nur von jenem Sinne aus⸗
geht, und mit welcher der Bürger allein sich und den Staat emporhalten kann, ist
Ihnen jetzt anvertraut.“
Der Herr Oberbürgermeister nahm hierauf das Wort, dankte den Stadtver⸗
ordneten für ihr Vertrauen und hoffte auf ihre Unterstützung und den Beistand
des Königl. Kommissarius bei allen Bestrebungen für das Beste der Stadt. Nach—
dem der Königl. Kommissarius sich wegbegeben, hielt der Magistrat seine erste
Sitzung.
Des Abends war die ganze Stadt erleuchtet und in dem Börsensaal, der
geschmackvoll verziert war, hatte die Stadt zur Feier des Geburtsfestes der Königin
einen Ball veranstaltet. Als die Königin in den Saal trat, tönte ihr ein einfacher
Gesang hinter den Orangenbäumen und duftenden Gewächsen entgegen, mit denen
der königliche Sitz umgeben war. Nach Beendigung des Gesanges traten die
Sängerinnen — schöne Töchter unserer Stadt — hervor und überreichten der
Königin Blumen und ein Gedicht, die mit der anmutigslen Huld sie alle küßte.
König und Königin mischten sich in den Tanz und unter die Zuschauer, und in
der ganzen Versammlung war in Harmonie mit der Festlichkeit des Tages das
frohe Gefühl sichtbar: Wir sind Mitglieder einer glücklichen Familie. Heil dem
oäterlichsten der Könige!