Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

oder Diener einem Herren zum Kriegsdienst verpflichtet, ihre Rechnung. 
Unzählbar war damals die Menge der reisigen Mannen in Deutschland; 
das ganze Reich starrte in Waffen. 
Deutschland glich einem sturmbewegten Meere. 
Als friedliche Eilande lagen darin die Städte: in ihnen war das 
Leben angenehmer und reichhaltiger als auf dem Lande und vor allem — 
ficherer; denn starke, für die damalige Kriegskunst fast unbezwingbare 
Befestigungen schützten vor UÜberfällen und Eroberung. Innerhalb der 
Mauern waltete Recht und Ordnung, jeder Bürger genoß den Schutz 
der Gemeinschaft und war persönlich frei. Rasch nahmen daher die 
Städte an Einwohnern und Wohlhäbigkeit zu. Die größere Bequemlich— 
keit des Besitzes und der Arbeit lockten den unfreien Landmann aus 
seinen festlastenden Verhältnissen heraus. Der Zug in die Städte ergriff 
ihn ebenso mächtig, wie in unserer Zeit die aufkommende Industrie 
wieder die Landbevölkerung von ihrer Scholle reißt, und die ländlichen 
Grundbesitzer klagten ähnlich wie heute. 
Die Städte boten die beste Gelegenheit vorwärts zu kommen. Wie 
der Handel eine wesentliche Grundlage für ihre ursprüngliche Entstehung 
gewesen war, so bot er weiter und weiter die Gelegenheit zu stetiger 
Vermehrung von Besitz und Werten. Dabei blühte ferner sehr bald das 
Handwerk, das Gewerbe, in den Städten auf. Die gleichartigen Hand— 
werksbetriebe stärkten und steigerten sich gegenseitig in der engen lokalen 
Verbindung; aus dürftiger Wirksamkeit erhob sich das Handwerk mehr 
und mehr zu freiem, unbegrenztem Schaffen. Ein lebhafter, stetiger Markt 
entwickelte sich zum Austauschen der Produkte von Stadt und Land, oder 
auch von Stadt zu Stadt und noch weiter, besonders auch infolge der 
Erschließung und Beherrschung der nördlichen Meere durch die Hansa, 
von Stadt zum Ausland. In den Städten erfolgte damals der Über— 
gang zur modernen Geldwirtschaft; im Gegensatz zu der auf dem Lande 
noch herrschenden Naturalwirtschaft. Die Kapitalbildung begann: für 
Geld erwarb der Handwerker Rohstoffe, um sie zu verarbeiten, und ver— 
wandelte die hergestellten Gegenstände wieder in Geld. Der Kaufmann 
verkaufte seine eingehandelten Waren und kam so in den Stand, das 
Geschäft stetig zu wiederholen. Jeder Gewinn, weiter verwendet, 
brachte neuen. So stark empfand die damalige Zeit, wie sehr der 
Handelsumsatz das rechte Wesen der Städte war, daß sie Kaufmann und 
Bürger als gleichbedeutende Worte nahm. — Handel und Erwerb waren 
also der Städte Lebensluft, in der sie zu stolzester Zuversicht gediehen, 
beide zu mehren ihr Lebenszweck. So war bald mit dem Bürgertum 
eine neue Zeit angebrochen, und in erstaunlich kurzer Zeit, in fast jähem 
Aufstiege ein nach allen Seiten wirksames Element in die Höhe gekommen. 
Freilich ohne heiße Kämpfe ist dieses Aufsteigen des Bürgertums 
nicht abgegangen; denn es erfolgte durch und durch revolutionär gegen
	        
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