frei da, wenn sie auch nicht alle Obermacht ihrer Herren abgeschüttelt
hatten. Manche von ihnen erwarben gleichfalls beträchtlichen eigenen
Landbesitz, wie die Stadt Erfurt, die sich mit ihren 16 Quadratmeilen
rühmte, nicht eine Stadt, sondern ein Land zu sein.
Am Schlusse des in Rede stehenden Zeitraums waren die Städte, zumal
seitdem sie selbst kriegerische Macht aufbrachten, zu solcher Macht erstarkt,
daß sie ihr Verhalten nach außen — gegen andere Städte, gegen Fürsten,
gegen Kaiser und Reich, unter Umständen selbst zum Auslande — frei be—
stimmten. Uns Heutigen, die wir das Glück haben, in einem festgefügten
Staate zu leben, erscheinen solche Zustände in der Tat seltsam genug,
doch war so einmal der Gang der deutschen Geschichte geworden. Dem
Deutschen fehlte von Anfang an das Verständnis für die Bedeutung
eines geschlossenen, alle Kräfte sich dienstbar machenden Staatswesens.
Nur für das Zusammenhalten im engen Kreise, in der Genossenschaft,
hatte er rechten Sinn — und dies zeigte sich sehr deutlich auch in der
Entfaltung des deutschen Städtewesens. Doch in ihren besten Zeiten
haben die Städte auch die nationale Idee. den Reichsgedanken, vertreten,
und nicht ohne bewegten Sinn lesen wir heute noch nach Jahrhunderten
den Beschluß des genannten Rheinischen Städtebundes aus dem Jahre 1256:
Und weil uns jetzt ein festes Reich fehlt in dieser kaiserlosen Zeit, so wollen
Wir des Reiches Gut, gleich als wär's unser eigen, schützen uud schirmen, mit
allen unseren Kräften.
So viel über die politische Stellung der Städte im Reich. Ver—
gegenwärtigen wir uns noch kurz ihre Zahl und Größe.
Im großen und ganzen zeigte bereits in der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts der deutsche Boden das Antlitz, wie er es heute in
Verteilung von Wald und Ackerflur traägt. Massenhaftes Waldland war
gerodet. Die Wildnisse waren verschwunden. Groß war beim Ende des
Mittelalters die Zahl der Städte geworden: es mögen ihrer etwa 8000
gewesen sein. Nehmen wir eine der buntscheckigen Karten des alten
Deutschen Reichs zur Hand und vermerken uns alle damaligen Orte mit
Stadtrecht, „so erblicken wir das Land in Abständen von durchschnittlich
vier bis fünf Wegstunden im Süden und Westen, und sechs bis acht
Stunden im Norden und Osten mit Städten übersät.“ Zwischen ihnen
und zum Teil älter als sie die ländlichen Ansiedelungen, Flecken, Dörfer,
Weiler. Nicht alle Städte haben natürlich dieselbe Bedeutung gehabt,
aber alle waren Mittelpunkte kleiner Wirtschaftsgebiete: fast überall konnte
der Bauer aus seiner entfernten, ländlichen Niederlassung den für ihn
wichtigen städtischen Markt in einem Tage erreichen und am Abend
wieder daheim sein.
Großstädte dürfen wir jedoch unter ihnen allen nicht suchen.
Umfangreiche, genaue Forschungen haben uns in neuerer Zeit genug
zuverlässige Berechnungen auf Grund von Steuerlisten und Bürger—