Familie erhalten. Aber das ist gewiß nicht recht, daß die Frauen und
Mädchen jetzt gezwungen sind, sich selbst ihr Brot zu suchen, statt wie früher
zu Hause zu bleiben."
„Oho!" widersprach da aber Karl. „Tn bist ganz im Unrecht. Da
habe ich unlängst einen Roman gelesen, wo lauter Frauen und Mädchen
aus der guten alten Zeit vorkommen, die fein zu Hause sitzen und kaum die
Nase zum Fenster hinausstrecken. Sind das Gänse! Die haben ja für gar
nichts Interesse als für Kochen, Nähen und hauptsächlich für Kokettieren.
Wenn ich mir vorstelle, daß ich mit lauter solchen Frauenzimmern beisammen
sern mußte, da käme man ja um Vor Langeweile. Schau dir dagegen un
sere Mädels an. Die sind viel geweckter, die müssen sich gerade so gut um
ihren Lohn und um ihre Arbeitszeit herumschlagen wie wir. Dafür fitüt
sie aber auch gescheiter und selbständiger als jene langweiligen Gänse, die
gar nicht wissen, wie es in der Welt wirklich ausschaut."
„Na ja, wahr ist es schon," bestätigte Wilhelm: „seit meine Schwester
nicht mehr zu Hause herumhockt und wartet, daß einer sie holt, seit sie einen
Beruf hat, ist sie viel selbständiger geworden: aber freilich, lustiger hat sie
ihr Beruf nicht gemacht. Oft ist sie schrecklich brummig und mürrisch, wenn
sie abends müde nach Hause kommt."
„Das ist aber nicht Schuld der Arbeit selbst," warf ich ein. „Die Ar
beit erzieht den Menschen, sie erweitert seinen Gesichtskreis, sitz macht ihn
selbständig und selbstbewußt; aber der Kapitalismus, die von Kapitalisten
angewandte Maschine, hat die Arbeit zur eintönigen, aufreibenden Plackerei,
zur Oual gemacht. Erst wenn die Arbeit wieder frei sein wird, dann wird
sie ihren veredelnden Einflriß ausüben können auf Mann und Frau, auf
den Erwachsenen und das Kind."
Löhne und Preise.
I;
„Wenn also tum, wie du sagst", begann Wilheln» wieder, „die Löhne
so sehr herabgedrückt werden, wenn schlecht bezahlte Frauen und Kinder
an die Stelle erwachsener Männer treten, werden denn dadurch die Waren
nicht billiger? Das würde doch den Arbeitern dann wieder einen Vorteil
bringen. Neulich klagte meine Mutter wieder darüber, daß in den letzten
Jahren die Preise von allen Lebensmitteln so furchtbar in die Höhe ge
gangen sind. Ta meinte der Vater, daran seien die Gewerkschaften schuld,
welche die Arbeiter immerfort aufhetzen, höhere Löhne zu verlangen, und da
durch würden dann die Fabrikanten gezwungen, auch die Preise wieder
höher anzusetzen. Das muß also doch auch umgekehrt gelten: wenn die Löhne
niedriger werden, dann müssen die Prerse sinken, die Waren billiger werden."
„Ja, das habe ich auch schon oft gehört," bestätigte Karl, „daß die
Waren teurer werden, wenn die Löhne steigen; und vor ein paar Tagen
erst habe ich ein Wahlflugblatt gelesen, in dem auch steht, daß die Gewerk
schaften an der Teuerung schuld sind, und daß darum die Arbeiter von den
höheren Löhnen auch gar keinen Vorteil haben: denn was sie an Löhnen
mehr einnehmen, das müssen sie für teuere Ware wieder mehr ausgeben.
Wenn die Löhne steigen, sind die Fabrikanten und Kaufleute gezwungen,
die Preise hinauszusetzen."