22 Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
großen Schöpfungen, die er anregte, hätte ihm dort reichlichen Lohn für das ganze
Leben gebracht. Wurde doch in denselben Tagen, wo List in einem traurigen Ende
verkümmerte, der Mann, der in England den ersten Anstoß gegeben hatte zu den
Pennyposten, mit einer eigens für ihn geschaffenen lebenslänglichen Stelle ent
schädigt, erhielt doch bald nachher Cobden von der Nation ein mehr als königliches
Ehrengeschenk. In Deutschland, „wo man für Sänger und Klavierspieler, für Liebe
dienerei und zweideutige Verdienste Auszeichnungen in Menge hat", wurde der
Schöpfer des Eisenbahnnetzes kümmerlich abgefunden, der Ratgeber und Förderer
einer Menge der wichtigsten Unternehmungen kärglich bezahlt, und der Agitator für
eine nationale deutsche Handelspolitik mußte sein mühsam erworbenes Vermögen
aufopfern, ohne dafür nur Dank zu finden. Es war ein Wort voll bitterer Wahrheit,
was ihm einmal der badische Minister Winter erwiderte, dem er die Opfer, die er
für ganz Deutschland gebracht, aufzählte. „Da müssen Sie sich eben an ganz Deutsch
land halten", — erwiderte der Staatsmann, konnte ihm aber nicht sagen, wo dies
Deutschland zu finden war. So blieb er sein Leben lang, nach den glänzendsten und
fruchtbarsten Schöpfungen, die er angeregt, in das Joch der angestrengten Arbeit ein
gezwängt und auf den täglich zu erringenden Erwerb angewiesen; nachdem er, wie
seine Freunde sagten, weite Strecken unbrauchbarer, ja ungekannter Wildnis in
fruchtbares Land verwandelt hatte, mutzte er „immerdar noch Holz hacken", — bis
die Leiden des zunehmenden Alters und der zerrütteten Gesundheit ihm die frische
Arbeitskraft zerstörten und er der quälenden Sorge um die Zukunft in hoffnungs
loser Melancholie erlag. „Armer Freund," rief ihm Laube nach, „ein ganzes Land
konntest du beglücken, aber dies Land konnte dir nicht einen Acker Erde, konnte dir
nicht ein warmes Haus geben für die traurige Winterzeit des Alters! Dieser Fluch
des zerrissenen Vaterlandes, in welchem man so kinderleicht heimatlos werden kann,
in welchem das Genie selbst niemand angehören darf, dieser Fluch hat dich im Schnee
sturme oberhalb Kufsteins in den Tod gejagt, und unsere Tränen, unsere Lorbeer
kränze, was sind sie deiner verwaisten Familie?! Was sind sie den guten Bürgern
und guten Egoisten, die sich die Fülle des Leibes streicheln und weislich sprechen: Der
Staat ist nicht für Genies vorhanden!"
10. David Hansemann als Politiker.
Von Alexander Bergengrün.
Bergengrün, David Hansemann. Berlin, I. Guttentag, 1901. S. 95 — 97 und
S. 356-357.
Der Ausgangspunkt für Hansemanns politisches Wirken war sein kaufmännischer
Beruf. Er lebte zunächst, wie es feine Pslicht war, dem Geschäft. Kaufmännische
Überlegung, ein gesunder Menschenverstand und ein angeborener politischer Trieb
sagten ihm aber, daß das Geschäft nur florieren könne, wenn es einen günstigen
Boden in den allgemeinen Verhältnissen finde, und daß diese wieder nur dann befrie
digen können, wenn nicht der Vorteil des einzelnen Mannes, eines Erwerbszweiges,
einer Stadt oder einer Provinz geltend gemacht werde, sondern wenn das Ganze, der
Staat, ein kräftig pulsierendes Leben führe. Diese Überzeugung steigert den nüch
ternen Nützlichkeitssinn des Geschäftsmannes zum Idealismus des patriotisch ge
sinnten Politikers. Eine innige Verbindung kaufmännischer und staatsmännischer
Gedanken bezeichnet die Eigenart Hansemanns. Dabei tritt das persönliche Moment,
die Rücksicht aus den eigenen Geschäftsvorteil, allmählich in den Hintergrund, um