Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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Die Erbauer der vornehmen Häuser sind meist Kaufleute und 
Fabrikanten, die heraufgekommen sind, jetzt fast überall die vermögenden 
Leute der Stadt. Die Wunden, die der Siebenjährige Krieg dem 
Wohlstande der Büuͤrger geschlagen, sind geheilt. Nicht umsonst hat der 
Polizeistaat seit mehr als 50 Jahren ermahnt und befohlen. Aber erst 
ein maäßiger Teil des Bürgertums sitzt in behäbigen Verhältnissen und 
Deutschland gilt im Vergleich mit anderen Ländern mit Recht noch für 
ein armes Land. 
So ist auch manches noch schmucklos, dürftig und unschön. In den 
düsteren, lichtarmen Räumen des Rathauses hängen Spinnengewebe, er⸗ 
heben sich graue Mauern von Akten, lagert unendlicher Staub. In der 
Ratsstube stehen die steifen Polsterstühle, mit grünem Tuch und Messing— 
nägeln beschlagen, in erhöhtem Raum, dessen Schranken die Ratsherren 
von den Bürgern trennt. Es fehlt an Geld und Freude, die öffentlichen 
Gebäude zu schmücken, sie werden vom Bürger als ein notwendiges Übel 
hetrachtet, ohne Teilnahme, ohne jedes Selbstgefühl. 
Die Straßen aus Feldstein kunstlos zusammengebaut, müssen ge— 
kehrt werden; die Düngerhaufen, die noch im Anfang des Jahrhunderts 
in ansehnlichen Mittelstädten vor den Häusern lagen, sind durch Ver— 
ordnungen beseitigt; die Schweine und Rinder, die noch kurz vor 1700 
zwischen den spielenden Kindern und Straßenschmutz sich belustigten. 
werden streng in Höfen und Ställen gehalten. 
Geschieden durch Kleidung, Haartracht und Titel stehen die Stu— 
dierten und Beamten als Honoratioren der Stadt über den Bürgern. 
Wie der Adel auf sie, blicken sie auf die Handwerker, diese auf den 
Bauern herab. Auch der Kaufmann, zumal wenn er ein Stadtamt be— 
kleidet oder Vermögen besitzt, hat unter den Honoratioren eine Stellung. 
Der Handwerker arbeitet in der altet Weise fort; fast jeder steht 
fest in seiner Zunft; streng wird von der Mehrzahl der Handwerker auf 
alte Bräuche, am strengsten auf die Rechte der Zunft gehalten; wer 
nicht nach Handwerkswahl in die Zunft aufgenommen ist, der wird als 
„Pfuscher“ oder „Bönhase“ unter einem Hasse verfolgt, der ihn von 
der bürgerlichen Gesellschaft auszuschließen sucht. Es fehlt jedoch nicht 
mehr an solchen, die die alte Zunftverfassung für eine Last halten, weil 
sie ihrem Bestreben, sich zur Fabrikstätigkeit zu erweitern, hartnaͤckig 
widerstrebt; so die großen Tuchmacher und Eisenarbeiter. Denn schon nimmt 
das Land ehrenwerten Anteil am Welthandel und der Wohlstand fängt 
an sich zu mehren. Deutsche führen ihre Eisen- und Stahlwaren aus 
der Grafschaft Mark, aus Solingen und Soest, Tuche aus allen Land⸗ 
schaften, Damastgewebe aus Westfalen, Leinwand aus Schlesien nach 
Frankreich, England, Spanien, Portugal und in die Kolonien über See. 
Gerade die Armut des Volkes, d. h. der niedrige Tagelohn machte die 
Anlage mancher Fabriken lohnend und leicht.
	        
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