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Kräfte völlig. So lag auch dem Bürger der Gedanke ans Vaterland
fern, der sich ihm schon bei jeder wirklichen Freiheit des Berufslebens
alsbald hätte einstellen müssen, weil doch an sich dieses Berufsleben im
Handel in den weiten Grenzen der Nation verlief. Wenn seine Interessen
hoch gingen, so waren sie doch wesentlich nur kosmopolitischer Art.
Wenn aber das weitere politische Interesse am nationalen Leben
ganz am Boden lag, wie sollte da der Wille zur eigenen Verwaltung
der nächsten öffentlichen Interessen, der kommunalen, lebendig werden.
Schwerlich dachte der Bürger des ausgehenden 18. Jahrhunderts über⸗
haupt an das Problem einer städtischen Selbstverwaltung, die etwa
die zerstörte Stadtfreiheit des Mittelalters hätte ersetzen können. „Salz⸗
mann, der Philanthropist, macht in seinem Roman Karl von Karlsberg⸗
1783—88) die Ideen einer bürgerlichen Selbstverwaltung noch lächerlich
und offensichtlich hält er es für ausgeschlossen, daß ihre Durchführung in
den Bereich des Moͤglichen treten könnte.“
So hatte also die Bürgerschaft jener Tage in politischer Hinsicht
„ein ganz passives Wesen“ angenommen. Daher ist es auch erklaͤrlich,
daß die französische Revolution keinen besonderen Eindruck im preußischen
Staate hervorrief; nur in der Bauernschaft kam es zu einer — bald
uberwundenen — Gärung; in der Bürgerschaft sind die Kundgebungen
zugunsten der französischen Revolution nur gering gewesen. Dies lag
aber auch an der Tatsache, daß die große Masse, jeder Selbständigkeit
entwöhnt, mit der Regierungsweise an sich ganz zufrieden war, denn es
ist nachdrücklich zu betonen: Der Zustand des Staates vor 1806 war
keineswegs vollkommen versumpft und zerrüttet, wie das wohl öfter dar—
gestellt zu werden pflegt. Das Bild des damaligen Staates ist, trotz
allem und allem, nicht etwa völlig grau in grau zu malen. Es waren
auch vor 1806 seit Friedrichs des Großen Tagen im Staatswesen manche
— freilich nicht durchschlagende — Reformen ausgeführt worden. Man
war immerhin in einer, wenn auch langsam fortschreitenden Entwickelung
begriffen, besonders tritt dies dann hervor, wenn man sich den Stillstand
in den sonstigen europäischen Staaten während des 18. Jahrhunderts
vor Augen führt, In diesem Sinne urteilt der gelehrte Militärschrift—
steller Clausewitz, Scharnhorsts Schüler, über den Zustand der Zeit
bor 1806: „Das Volk befand sich unstreitig ganz wohl in seiner Haut.
Handel und Wissenschaften blühten; eine gelinde liberale Regierung
gestattete dem Einzelnen eine große Freiheit des Lebens und die nationale
Taͤtigkeit schritt ruhig zu groͤßerem Wohlstande fort. Unter diesen Um—
ständen konnte im preußischen Staate kein eigentliches Mißvergnügen
herrschen.“
Freilich frisches vorwäͤrtsstrebendes Leben herrschte auch nicht. Es
blieb dabei: das Bürgertum in Preußen, wie überhaupt in Deutschland,
war in politischer Hinsicht ein ziemlich klägliches, kleinbürgerliches