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schwere Zeit in dem Freiherrn von Stein; um ihn her scharten sich jene
anderen, fanden in ihm ihren Vormann, ihre Einigung. Mit kühner
Hand hoch am Steuer riß er das halbzerschellte Preußen in neue Bahnen;
ihm galt es, durch Preußen Deutschland zu retten. Mit ihm zum ersten
Male erhob Preußen, eben da es am tiefsten erniedrigt war, den Blick
weit hinaus über die alte dynastische und Kabinettspolitik zu einer
nationalen, deutschen; als Macht vernichtet, begann es sich als Staat neu
zu gründen. Mit ihm begann das Volk Preußens sich als Volk zu
fühlen und sich deutsch zu fühlen. Mit ihm begann jene großartige
Umwandlung aller inneren Staatsverhältnisse, die man als den ersten
Versuch bezeichnen darf, die bürgerliche Freiheit, wie sie Altengland ge⸗
rettet, mit der staatlichen Energie, die die Revolution geschaffen, zu ver—
binden, oder richtiger die Machtvollkommenheit des Thrones sich ergänzen
zu lassen durch die Staatsbürgerlichkeit des Volkes, den Staat in der
Wahrheit seines sittlichen Berufes zu erfassen und auszuprägen, in diesem
seine geschichtliche Bedeutung zu gründen.“
Ja wahrlich, es lohnt sich diese kühne Edelgestalt recht altdeutscher
Art näher kennen zu lernen: seinen Lebensgang und seine Worte und
Taten. Es sind unter den Männern jener Zeiten „wahrlich Heroen ohne
Fehl und Tadel, zu denen man mit ehrfürchtiger Bewunderung aufschaut;
leuchtendere Vorbilder gibt es nirgends in der Geschichte. Wer den
Deutschen Erzieher empfehlen will, der mag sie an Stein und Scharn—
horst weisen, und wer in hingebender Arbeit zu ermatten fürchtet, weil
ihm scheinbar der Lohn versagt bleibt, der gedenke ihres entsagungs—
vollen Ringens, dem der Dank der Nachwelt gefolgt ist“. —
Eine Schilderung des Menschen Stein wollen wir jedoch in das nächste
Kapitel verweisen, um hier zunächst sogleich weiter verfolgen zu können,
wie die innere Gesundung Preußens nun vor sich ging. Diese Wiederauf—
richtung Preußens ist eins der großartigsten Schauspiele der deutschen
Geschichte, eine Lehre, was Willen und Wissen im Verein vermögen.
Wir können hier nur kurz die Richtlinien der Reorganisation auf
dem Gebiete der inneren Verwaltung und des wirtschaftlichen Lebens
wiedergeben. Die großartige Neuordnung des Heeres lassen wir ganz
beiseite.
Ein Mann ist hierbei noch zu nennen: Hardenberg. Wir haben
uns ja gewöhnt, die Reformen dieser Jahre mit einem Gesamtnamen
als die Stein-Hardenbergischen zu bezeichnen. Beide Männer haben
an der Wiederaufrichtung Preußens gearbeitet, freilich beide in ver—
schiedenem Geiste, jeder nach seiner Art.
Zunächst einige Bemerkungen zur allgemeinen Orientierung über
den äußeren Gang der Dinge. Seit dem 14. April 1804 hatte
Hardenberg als Minister die Leitung der auswärtigen Geschäfte über⸗
dommen. Am 27. Oktober desselben Jahres erhielt Stein das Finanz⸗