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findens gewesen, und nicht leicht ist es, viel hierüber zu erfahren. Nur
eine Quelle fließt uns hier und die zum Glück hell und reich: Ernst
Moritz Arndts, seines getreuen Mitstreiters und Gehilfen, Schilde—
rungen. Arndt ist mit „seinem Minister“ im Jahre 1812 in Ruß⸗
land zusammengetroffen. Seitdem haben ihn Bande ehrfurchtsvoller
Freundschaft mit Stein bis zu dessen Tode im Jahre 1831 verbunden.
Für diese ganze Zeit gelten Arndts Aufzeichnungen; an sie wollen wir
uns im folgenden halten.
Für die Zeit vor 1812 wollen wir uns einen Überblick in der
Weise zu verschaffen suchen, daß wir, zum Teil an der Hand der von
Stein selbst entworfenen Skizze einer Lebensbeschreibung, kurz die wich—
tigsten Daten seines äußeren Lebensganges aufzählen.
Zunächst jedoch als Einleitung etwas aus der Darstellung
Treitschkes über den Reichsfreiherrn:
„Das Schloß seiner Ahnen lag zu Nassau, mitten im buntesten Ländergemenge
der Kleinstaaterei; von der Lahnbruͤcke im nahen Ems konnte der Knabe in die
Gebiete von acht deutschen Fürsten und Herren zugleich hineinschauen. Dort wuchs
er auf, in der freien Luft, unter der strengen Zucht eines stolzen, frommen, ehren⸗
festen altritterlichen Hauses, das sich allen Fürsten des Reiches gleich dünkte.
Standen doch die Stammburgen der Häuser Stein und Nassau dicht beieinander auf
demselben Felsen; warum sollte das alte Wappenschild mit den Rosen und den
Balken weniger gelten als der sächsische Rautenkranz oder die württembergischen
Hirschgeweihe? Der Gedanke der deutschen Einheit, zu dem die geborenen Unter—
tanen erst auf den weiten Umwegen der historischen Bildung gelangten, war diesem
stolzen reichsfreien Herrn in die Wiege gebunden. Er wußte es gar nicht anders:
„ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Ver—
fassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch
nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.“ Wenig
berührt von der ästhetischen Begeisterung der Zeitgenossen versenkle sich sein tat⸗
kräftiger, auf das Wirkliche gerichtete Geist früh in die historischen Dinge. Alle die
Wunder der vaterländischen Geschichte, von den Cohortenstürmern des Teutoburger
Waldes bis herab zu Friedrichs Grenadieren, standen lebendig vor seinen Blicken.
Dem ganzen großen Deutschland, so weit die deutsche Zunge klingt, galt seine feurige
Liebe. Keinen, der nur jemals von der Kraft und Großheit deutschen Wesens
Kunde gegeben, schloß er von seinem Herzen aus; als er im Alter in seinem Nassau
einen Turm erbaute zur Erinnerung an Deutschlands ruhmvolle Taten, hing er die
Bilder von Friedrich dem Großen und Maria Theresia, von Scharnhorst und
Wallenstein friedlich nebeneinander. Sein Ideal war das gewaltige deutsche Königtum
der Sachsenkaiser; die neuen Teilstaaten, die sich seitdem über den Trümmern der
Monarchie erhoben hatten, erschienen ihm samt und sonders nur als Gebilde der
Willkür, heimischen Verrates, ausländischer Ränke, reif zur Vernichtung sobald
irgendwo und irgendwie die Majestät des alten rechtmäßigen Königtums wieder er—
stünde. Sein schonungsloser Freimut gegen die gekrönten Häupter entsprang nicht
bloß der angeborenen Tapferkeit eines heldenhaften Gemütes, sondern auch dem
Stolze des Reichsritters, der in allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene,
auf Kosten des Kaisertums bereicherte Standesgenossen sah und nicht begreifen wollie
warum man mit solchen Zaunkönigen soviel Unistände mache.
Ein Charakter wie aus dem hochgemuten sechzehnten Jahrhundert, — so
geistvoll und so einfach, so tapfer unter den Menschen und so demütig vor Gott —