Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

723 — 
findens gewesen, und nicht leicht ist es, viel hierüber zu erfahren. Nur 
eine Quelle fließt uns hier und die zum Glück hell und reich: Ernst 
Moritz Arndts, seines getreuen Mitstreiters und Gehilfen, Schilde— 
rungen. Arndt ist mit „seinem Minister“ im Jahre 1812 in Ruß⸗ 
land zusammengetroffen. Seitdem haben ihn Bande ehrfurchtsvoller 
Freundschaft mit Stein bis zu dessen Tode im Jahre 1831 verbunden. 
Für diese ganze Zeit gelten Arndts Aufzeichnungen; an sie wollen wir 
uns im folgenden halten. 
Für die Zeit vor 1812 wollen wir uns einen Überblick in der 
Weise zu verschaffen suchen, daß wir, zum Teil an der Hand der von 
Stein selbst entworfenen Skizze einer Lebensbeschreibung, kurz die wich— 
tigsten Daten seines äußeren Lebensganges aufzählen. 
Zunächst jedoch als Einleitung etwas aus der Darstellung 
Treitschkes über den Reichsfreiherrn: 
„Das Schloß seiner Ahnen lag zu Nassau, mitten im buntesten Ländergemenge 
der Kleinstaaterei; von der Lahnbruͤcke im nahen Ems konnte der Knabe in die 
Gebiete von acht deutschen Fürsten und Herren zugleich hineinschauen. Dort wuchs 
er auf, in der freien Luft, unter der strengen Zucht eines stolzen, frommen, ehren⸗ 
festen altritterlichen Hauses, das sich allen Fürsten des Reiches gleich dünkte. 
Standen doch die Stammburgen der Häuser Stein und Nassau dicht beieinander auf 
demselben Felsen; warum sollte das alte Wappenschild mit den Rosen und den 
Balken weniger gelten als der sächsische Rautenkranz oder die württembergischen 
Hirschgeweihe? Der Gedanke der deutschen Einheit, zu dem die geborenen Unter— 
tanen erst auf den weiten Umwegen der historischen Bildung gelangten, war diesem 
stolzen reichsfreien Herrn in die Wiege gebunden. Er wußte es gar nicht anders: 
„ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Ver— 
fassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch 
nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.“ Wenig 
berührt von der ästhetischen Begeisterung der Zeitgenossen versenkle sich sein tat⸗ 
kräftiger, auf das Wirkliche gerichtete Geist früh in die historischen Dinge. Alle die 
Wunder der vaterländischen Geschichte, von den Cohortenstürmern des Teutoburger 
Waldes bis herab zu Friedrichs Grenadieren, standen lebendig vor seinen Blicken. 
Dem ganzen großen Deutschland, so weit die deutsche Zunge klingt, galt seine feurige 
Liebe. Keinen, der nur jemals von der Kraft und Großheit deutschen Wesens 
Kunde gegeben, schloß er von seinem Herzen aus; als er im Alter in seinem Nassau 
einen Turm erbaute zur Erinnerung an Deutschlands ruhmvolle Taten, hing er die 
Bilder von Friedrich dem Großen und Maria Theresia, von Scharnhorst und 
Wallenstein friedlich nebeneinander. Sein Ideal war das gewaltige deutsche Königtum 
der Sachsenkaiser; die neuen Teilstaaten, die sich seitdem über den Trümmern der 
Monarchie erhoben hatten, erschienen ihm samt und sonders nur als Gebilde der 
Willkür, heimischen Verrates, ausländischer Ränke, reif zur Vernichtung sobald 
irgendwo und irgendwie die Majestät des alten rechtmäßigen Königtums wieder er— 
stünde. Sein schonungsloser Freimut gegen die gekrönten Häupter entsprang nicht 
bloß der angeborenen Tapferkeit eines heldenhaften Gemütes, sondern auch dem 
Stolze des Reichsritters, der in allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene, 
auf Kosten des Kaisertums bereicherte Standesgenossen sah und nicht begreifen wollie 
warum man mit solchen Zaunkönigen soviel Unistände mache. 
Ein Charakter wie aus dem hochgemuten sechzehnten Jahrhundert, — so 
geistvoll und so einfach, so tapfer unter den Menschen und so demütig vor Gott —
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.