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Trennung seine Familie. Am 16. Dezember verhängt Napoleon in Madrid
über ihn die Ächtung:
Kaiserliches Dekret.
1. Ein gewisser Stein (De nommsé Stein), welcher Unordnungen in Deutsch—
land zu erregen sucht, wird hierdurch für einen Feind Frankreichs und des Rhein—
hundes erklärt.
2. Die Güter, welche der genannte Stein, sei es in Frankreich oder im Gebiete
des Rheinbundes, besitzen möchte, werden mit Beschlag belegt.
Der genannte Stein wird aller Orten, wo er durch unsere Truppen oder die
unserer Verbündeten erreicht werden kann, persönlich zur Haft gebracht.
In unserem Kaiserlichen Lager von Napoleon.
Madrid, am 16. Dezember 1808
Der mächtigste Herrscher der Erde fürchtet den einzelnen Mann!
Durch diese Handlung sind jetzt weithin die Blicke der Völker auf Stein
gerichtet, der nun eine führende Stellung unter denen, die die Welt von
der unerträglichen Tyrannei befreien wollen, einnimmt. Stein muß
flüchten und das Land verlassen, dessen Dienste er dreißig Jahre seines
debens mit der Glut seines Herzens gewidmet hatte. Er entschließt sich
für Osterreich. Zu Wagen und zu Schlitten geht es nach dem Riesen⸗
gebirge zu. Über Sagan und Bunzlau ist in zwei Tagen Löwenberg
erreicht. Nach kurz bemessener Ruhe geht es nachts 1 Uhr weiter.
Nicht ohne Bewegung lesen wir die Schilderung des geächteten
Mannes über diesen letzten Teil der Flucht:
„Die Nacht war sehr schön, die Witterung milde, der Himmel bald bewölkt,
bald hell, die Natur still und feierlich, die zahlreichen Wohnungen der Menschen,
durch die man reiste, ruhig. Eine solche Nacht und solche Umgebungen gaben der
Seele eine Stimmung, die alles Menschliche, und sei es noch so kolossalisch scheinend,
auf seinen wahren Wert zu bringen bereit ist.“
Er erinnert sich dabei, daß er mit den geliebten Seinigen am letzten
Neujahrstage Schleiermachers Predigt gelesen habe „über das, was der
Mensch zu fürchten habe, und was nicht zu fürchten sei“.
Nun ist er an der Grenze und in Sicherheit. Am 16. Januar 1809
trifft er in Prag ein. —
Mit seinen preußischen Vaterlandsfreunden bleibt Stein auch in der
Verbannung in lebhaftem Verkehr. Er arbeitet unausgesetzt wie für sein
Preußen, so auch jetzt für Österreich.
Am 27. März 1812 schreibt ihm der Kaiser Alexander von
Rußland:
„Die Achtung, welche ich immer für Sie hegte, hat keine Anderung durch die
Ereignisse erlitten, welche Sie von dem Steuer der Geschäfte entfernten. Es ist die
Energie Ihres Charakters und Ihre ausnehmenden Talente, die sie Ihnen er⸗
worben haben.
Die entscheidenden Umstände des Augenblicks müssen alle wohldenkenden Wesen,
Freunde der Menschlichkeit und der freisinnigen Ideen, wieder verbinden. Es
handelt sich darum, sie vor der Barbarei und der Knechtschaft zu retten, die sich