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bereiten, um sie zu verschlingen. Napoleon will die Knechtung Europas vollenden, und
um dieses zu erreichen, muß er Rußland niederwerfen. Schon lange bereitet man
iich hier für den Widerstand, und die kräftigsten Mittel sind hier seit langer Zeit
versammelt.
Ich lade Sie auf die inständigste Weise ein, mir Ihre Gedanken mitzuteilen,
sei es schriftlich auf eine sichere Weise, sei es mündlich, indem Sie zu mir nach
Wilna kommen.
Ich habe nicht nötig, Ihnen zu versichern, daß Sie in Rußland mit offenen
Armen empfangen werden. Die aufrichtigsten Gesinnungen, die ich gegen Sie hege,
sind Ihnen dafür eine sichere Gewähr.“
Ohne viel Besinnen ist Stein entschlossen. Er macht sich reise⸗
fertig. Freilich verhehlt er sich nicht die Zweifelhaftigkeit seiner Lage.
Ist auch Rußland befiegt, so gewährt ihm auch dieses keine Freistätte
mehr. „Wundern Sie sich nicht,“ sagte er zu einem Bekannten, „daß
ich auf gut Glück wie ein junger Mensch eine neue ungewisse Bahn
antrete. Wer sein Vaterland verloren hat, der ist notwendig ein Aben⸗
teurer. Ich habe keine Wahl, ich muß Freiheit und Vaterland am Eude
der Welt suchen.“
Am 12. Juni kam er in Wilna an. Schon am 18. Juni übergab
er dem Kaiser eine Denkschrift „über die Mittel, die Teilnahme Deutsch⸗
sands an dem Kriege gegen Frankreich anzuregen und zu erhalten“.
Über die Wirksamkeit, die er nun am Petersburger Hofe entfaltet,
wollen wir jetzt Ernst Moritz Arndt hören, der im Jahre 1858 in
den „Wanderungen und Wandlungen mit dem Reichsfreiherrn von Stein“
dem großen Manne ein herrliches Denkmal gesetzt hat. Das folgende ist
in Auswahl und freier Anordnung wiedergegeben.
Arndt, ebenfalls geächtet und von Stein nach Petersburg berufen,
erzählt uns:
Gegen Ende Augusts des Jahres 1812 stand ich vor dem berühmten
Minister Freiherrn vom Stein.
Er empfing mich freundlich mit den Worten: „Gut, daß Sie da
sind. Wir müssen hoffen, daß wir hier Arbeit bekommen.“ Ich sah
einen Mann vor mir gedrungenen mittleren Wuchses, schon mit er—
zrauendem Haar und etwas vornübergeneigt, mit leuchtendsten Augen
und freundlichster Gebärde. In bester getreuester Meinung hatte er mich
zu sich gewünscht und gerufen, und ich, wie ich vor ihm stand, schien
einem Bilde solches Wohlwollens zu entsprechen. Er empfing mich wirk⸗
lich mit solcher fröhlichen Zärtlichkeit, als hätten wir uns schon Jahre
zekannt, und ich, mit welcher hohen Verehrung ich auch vor den be—
rühmten Mann getreten war, deuchte mir fast wie vor einem alten Be—
kannten vor ihm zu stehen. Die Jugendblödigkeit des geborenen Ple⸗
bejers, die auch nie sehr demütig gewesen war, war in dem Dreiund—
oierzigiährigen, der vor dem fünfundfünfzigjährigen Freiherrn stand,
schon vor einem Vierteljahrhundert abgerieben und abgeklopft. Ich ging
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