Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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und an und unter ihm haben sollte. Das Unter aber hat er niemals 
gegen mich gebraucht. Über seine Stellung zu dem hohen Zaren sprach 
er nimmer ein Wort, sondern schloß das kurz mit den Worten ab: „Sie 
wissen ja, warum und wozu ich hier bin, so gut Sie es wissen, warum 
Sie so weit nach Osten ziehen gewollt haben. Unsre kleinen Geschäfte 
werden sich finden.“ Und dann nannte er mir das Nächste und die 
nächsten Personen, welche ich sehen müsse, und bei welchen ich schon an— 
gemeldet sei. Ich habe nur hinzugehen und meinen Namen zu nennen. 
So begann, so stand mein Petersburger Leben. Mit meinem lieben 
Minister kam ich in wenigen Tagen auf einen Fuß, als hätten wir 
jahrelang miteinander gelebt und verhandelt. Er hatte mich, der doch 
schon für Rußland segelfertig war, zu sich gerufen, weil die Art Ge— 
sinnung und Weltansicht, wie sie in meinen politischen Schriften aus— 
gesprochen waren, mit den seinigen übereinstimmen. 
Meine Stellung war also die eines Schreibers, an der Hand und 
unter dem Schirm des großen Steinschen Namens, wenn man vor⸗ 
nehmer sprechen will, die Stellung eines deutschen Schriftstellers, der 
einige Stellen in Europa kannte, wo sein Kopf vor den Klauen des 
allgewaltigen Vogels Roch des Tages nicht sicher war. Es waren da 
durch den Druck ausfliegen zu lassen: kleine Pamphlets, Aufforderungen, 
Verkündigungen, Gegenschriften und Widerlegungen napoleonisch-fran⸗ 
zösischer Verkündigungen und Berichte — einiges, wie es aus russischem 
Sinn und Sprache geflossen, gemessen und zugeschnitten war, das meiste 
jedoch mehr im deutschen — darf ich sagen? — im Steinschen Sinn. 
Solches ward gelegentlich deutsch gedruckt und hin und her ausgegeben, 
auch wohl ausgeworfen oder versandt; zuweilen hat man's auch in fran— 
zösischer Übersetzung laufen gelassen. Solche Vlatter fliegen wie aus— 
zestreute Funken, von welchen gehofft wird, sie werden hie und da ein 
pulvergefülltes Herz finden und zünden, damit es weiter zünde. 
Meine Arbeit, wenngleich durch die erlangte Einsicht in den Gang 
der großen laufenden Dinge mitunter erquicklich, war doch häufig eine 
sehr unerfreuliche Arbeit. Es galt nämlich England, welches noch den 
gewaltigen Kampf in Spanien gegen Napoleon kämpfte, und Rußland 
wieder zu verbinden und ein von Großbritannien mit Recht gehegtes 
Mißtrauen in Alexanders Treué zu heilen. Es gab da wirklich oft eine 
Schwerenotsarbeit, Steins Aufsätze, Briefe und Verhandlungen mit 
Kaiser Alexander, in deutscher oder französischer Sprache, oft aus der 
flüchtigen, undeutlichen Kladde zu enträtseln, klar abzuschreiben und 
obenein — was oft zehnfache, ja hundertfache Zeit erforderte — nach 
unserm in mehreren Büchern nachzusehenden Chiffernschlüssel in die diplo— 
matische Hexensprache zu verwandeln. Stein schrieb nie, wie sein Kollege 
Hardenberg, eine klare, in seiner sogenannten Kladde aber meist 
eine abscheuliche und unleserliche Hand mit mancherlei ihm eignen Ver—
	        
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