Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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Siegesturm, auf dem Stuhl sitzend, die alten deutschen Tröster seiner 
Bibliotheca selecta vor sich aufgeschlagen und Noten machend oder aus 
ihnen herausziehend, auch in Literaturgeschichten und Katalogen mühsam 
hin- und hersuchend, einen mannigfaltigsten, weitläufigsten Briefwechsel 
mit Hinz und Kunz führend und durch Bitten, Anträge, Anfragen und 
Umhertastungen an Geld und Wissenschaft reiche und ausgezeichnete 
Förderer und Gehilfen seines schönen Unternehmens suchend. 
Dieses Unternehmen war nun sein Geschäft und seine Sorge vieler 
Jahre und ist es bis ans Ende seines Lebens geblieben; aber auch sonst 
und nach allen Seiten hin hat er mit seiner ruhelosen, geistigen Tätig— 
keit, mit seinem für alles Gute und Lebendige wärmsten Herzen nimmer 
rasten gekonnt: Als großer Gutsherr und Schloßherr, als Ältester der 
protestantischen Gemeinde, als Volksvertreter und Landmarschall der 
Stände des preußischen Westfalens — immer und allenthalben ist er 
bei allem, was dem Vaterlande frommen konnte, der Vorderste, Frischeste 
und Mutigste gewesen. 
Er hatte trotz mancher Vorurteile aus der alten Zeit, die auch ihm 
gelegentlich als Kletten anklebten, und mitten in allen bösen und schlimmen, 
verrosteten Vorurteilen jener alten Zeit, aus dem Laufe, den die mensch— 
lichen Dinge seit einem halben Jahrhundert genommen hatten, begriffen, 
daß vieles im Staate anders gestaltet, befestigt und vorgestählt werden 
müsse, wenn er die Stürme der Zeit bestehen und von ihren Fluten 
nicht fortgerissen werden wolle. — 
Ich bin mit meinem edlen Ritter bisher mehr auf der breiten, ja 
auf der breitesten Landstraße des Lebens, mehr im politischen, verfäng— 
lichen, als im häuslichen, menschlichen Leben hin und her gewandert; 
jetzt will ich mit ihm in den engen Kreis eingehen, in das liebe Haus 
und in alles, was in und um das Haus sich zu legen pflegt. 
Ich bin hier der willkommene Gast geblieben und habe alljährlich, 
meistens in Nassau, zuweilen in Kappenberg, einige Wochen, oft fast 
ein paar Monate verlebt. 
In Nassau stand das alte, jetzt in seinen Trümmern begrabene und 
verschüttete Reich mit Kaiser, Kurfürsten, Fürsten, Rittern und Städten 
mit allen ältesten Erinnerungen immer lebendigst vor ihm. Da ward 
auch meistens nur aus der alten Reichsgeschichte heraus im Sinn der 
Vergangenheit und oft mit rührender Sehnsucht auch nach vielem Guten, 
was jetzt auch vergangen war, gesprochen und gestritten. Dies ward 
begreiflicherweise besonders lebendig, wenn Freunde und Gefreundete vom 
Süden und vom Oberrhein heraufkamen. 
Gar anders war das Gespräch und die Stimmung Steins und die 
Folgerungen, welche aus dieser Stimmung hervorgingen, in Kappenberg, 
im Lande der alten Sachsen. Für dieses Land Westfalia hatte Stein 
eine ganz besondere Zärtlichkeit; er hatte dort ja die rüstigsten, kräftigsten
	        
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